Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Wechselströme

Der Begriff “Gentrifizierung” läuft momentan Gefahr, zu einem der unsympathischsten Symbolbegriffe städtischer Veränderung zu werden. Verkürzt dargestellt geht es darum, dass einzelne Stadtviertel durch das Interesse eines bestimmten Publikums – eher unkonventionell, jung, kreativ, knapp bei Kasse – “bespielt” werden: Ausgehen, Wohnen, Arbeiten. Diese “Nutzung” zieht in der Folge wiederum eine andere, etwas solventere Klientel an, die es schätzt, dass sich dieses Quartier jetzt bunter, vielfältiger, attraktiver als zuvor darstellt. Das macht urbanes Leben im Kern aus, die Sogwirkung entsteht fast von alleine. Das eigentliche Problem beginnt aber erst jetzt: Eine wirtschaftlich noch deutlich potentere Kundschaft, in der Regel eher wenig kreativ, auch wenn sie sich selbst sicher so sieht, älter und statisch in ihren kulturellen und sozialen Ritualen, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf diese Stadträume. Geld spielt keine vorrangige Rolle, der Schein und das Image zählen, dafür ist man bereit, entsprechende finanzielle Mittel einzusetzen. Häuser werden sehr aufwändig und teuer saniert, der neu entstandene Wohnraum wird oft nur temporär genutzt, die Infrastruktur passt sich an. Den anderen, bisher dort lebenden Menschen, alt und jung, wird der Alltag (Wohnraum, Freizeit, Warenangebot) schnell zu teuer, der Umzug in andere Quartiere wird unumgänglich.  In München (wie in Hamburg oder Berlin und anderen großen Städten) ist dies an verschiedenen Stellen seit längerem zu beobachten. Teilweise vehement ausgetragene Konflikte bleiben nicht aus. Die “Süddeutsche Zeitung” hat diese Thematik kürzlich (erneut) aufgegriffen und diesmal auch mit einem Wissenschaftler über das Phänomen “Gentrifizierung” gesprochen. Weil das aber alles nicht Neues ist, lohnt es sich auch, einige ältere Momentaufnahmen, etwa im Magazin “salon.com” oder in der “Village Voice“, zur Entwicklung in den USA anzusehen.

Hochdruckkessel

Dass sich mit der Globalisierung die wechselseitigen Bezugsgeflechte vervielfacht und dabei Tempo sowie Druck in den inneren Abläufen erheblich erhöht haben, sollte spätestens mit dem wirtschaftlichen Infarkt der letzten eineinhalb Jahre deutlich geworden sein. Die nationalstaatliche Handlungsautonomie hat sich plötzlich als ziemlich beschränkt erwiesen, raus aus dem Schlamassel geht es nur noch gemeinsam. Ein paar Etagen tiefer, im regionalen oder städtischen Umfeld sehen die Aktionsmöglichkeiten noch bescheidener aus. Augen zu und hoffen, ohne Totalschaden durchzukommen. Das scheint an den meisten Orten angesichts sich rapide leerender Kassen die Haltung der Stunde zu sein. Gäbe es Alternativen? Möglicherweise, aber garantiert keine einfach vermittelbaren. Eigentlich ist das so etwas wie die gelbrote Karte für die Politik. Beim nächsten – kurzfristig sowieso nicht haltbaren Versprechen – droht der Platzverweis. Für das demokratische Ringen um den richtigen Weg sind das keine guten Zeiten. Die teuflisch-verführerische Eigendynamik zwischen Wirtschaftspolitik, Investoreninteressen, Renditerwartungen, Terminbörsen, Fonds, Banken und Rohstoffmärkten ist im Grunde kaum mehr durchdringbar. Auch weil viele Investitionsentscheidungen inzwischen die Folge weltweit automatisierter Computerprozesse sind. Könnten städtische Kindergärtenplätze und die Anlagestrategien amerikanischer Pensionsfonds miteinander etwas zu tun haben? Unmittelbar nicht, aber einmal um die Ecke denken, schadet nicht. Ullrich Fichtner hat das Thema “globale Spekulation” in einem spannenden Aufsatz im “Spiegel” zusammengetragen.