Amüsanter Clip. Was haben digitale Medien und Stadträume miteinander zu tun? Eine Menge. Und in Zukunft noch sehr viel mehr. Dass wir detaillierte Spuren im Internet hinterlassen, das hat sich wahrscheinlich schon bis zum “ab und zu” -User herumgesprochen. Inzwischen sind viele Menschen, besonders jüngere, in den unterschiedlichsten “Social Networks”, von Facebook bis zu den diversen VZs, zuhause und informieren andere Nutzer (und Gott und die Welt) über private und berufliche Dinge. Wen das interessiert? Egal. Generiert werden in jedem Fall unendliche Mengen an Daten. Das ist die relevante (Netz-) Währung, je persönlicher, je situations- und ortsgebundener, umso besser. Um diese Datensätze herum werden Werbeinhalte konzipiert. Scheinbar passgenau auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Immer und überall. Kann sein, dass das jemand toll findet und begrüßt. Vorstellen muss man sich das aber eher als Plage, wie einen nervigen und peinigenden Mückenschwarm, den man nicht mehr los wird. Heute auf den Desktops und Notebooks,  schrittweise auf mobilen Geräten, später auf allen möglichen Objekten. Großen und kleinen. Auf Straßen, Plätzen, Gebäuden, Tag und Nacht. Orwell? Harmloses Vorspiel.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Die amerikanische Debatte über die Folgen (und möglichen Konsequenzen) der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist in vollem Gang. Innovativen, eher intellektuell geprägten Gruppierungen an der West- und Ostküste stehen die Ölindustrie und der stockkonservative Mainstream entgegen. Die einen befürworten eine sofortige “green-tech” Revolution, die anderen haben Panik, ihre Klimaanlagen abstellen zu müssen und nicht mehr jeden Schritt mit dem großen Pick-up machen zu können. Dennoch bewegt sich was, das Thema ist allgegenwärtig. David Braun, leitender Journalist des “National Geographic”, hat aktuell  “zehn Mythen” zu den Folgen der Deepwater-Katastrophe zusammengetragen. Wahrscheinlich ein langer Prozess des Umdenkens, aber zu stoppen wird er auch in den USA nicht mehr sein. Und hier? Kleine Schritte, die jeder machen kann. Auto stehen lassen, ÖPNV nutzen, Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen. Wenigstens im Sommer eine der leichteren Aufgaben.

Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.

Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Speedlimits

Um Geschwindigkeitsbegrenzungen im engeren Sinne geht es hier nicht, auch wenn eine Abkehr von dieser anachronistischen Dummheit hierzulande überfällig wäre. Es geht um andere Tempo-Probleme. Man muss sich wohl vergegenwärtigen, dass eine neue Mobilitätskultur (Elektromobilität, Intelligente ÖPNV-Modelle, intermodaler Verkehr u.a.m.) nicht so schnell zu etablieren ist, wie viele sich das eventuell wünschen, vor allem weil die Komplexität der Herausforderungen leider etwas unterschätzt zu werden scheint. Das ist aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Welche Faktoren auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik beachtet werden müssen, das lässt sich aus verschiedenen (nicht selten kontroversen) Positionspapieren ablesen. Und nein, es geht hier nicht um Statements der Automobilindustrie gegen fundamentalistische Motorisierungsverweigerer. Das EU-Projekt “Routes to 2050″ verspricht eine interessante Plattform mit ebenso interessanten Fragestellungen zu werden. Tun ließe sich jedoch schon heute etwas. Dass günstige Momente für grundsätzliche Weichenstellungen aber ungenutzt verstreichen wenn man einfach nicht will oder kann, das greift Christian Schwägerl in einem Kommentar für den “Spiegel” auf.

Grüne Medaille

Die Diskussion, ob Olympische Spiele oder andere Megaveranstaltungen mit vielen Jahren Vorbereitungszeit überhaupt noch in das ökologische Raster des 21. Jahrhunderts passen, lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen.  Egal wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Materialschlacht ohne gleichen, alles für ein paar Wochen sportlichen Ehrgeiz, viel Unterhaltung und noch sehr viel mehr Kommerz. Andererseits können solche Anstrengungen ja auch wichtige Entwicklungen lostreten, deren Wirkungen sich erst langsam und im besten Sinne “nachhaltig” auswirken. Die bereits aufflammende Debatte über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 verdeutlicht auch hier den Zwiespalt. In London findet bereist im übernächsten Sommer, 2012, die nächste Olympiade statt. Und auch dort ist die Diskussion seit längerem im Gange, wie nachhaltig und vor allem wie “grün”-innovativ das ganze Vorhaben sein kann. Felicity Carus beleuchtet im “Guardian” die Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Nachbarschaftsneid

Viele Dinge auf die man stolz ist, offenbaren bei näherer Betrachtung leider auch empfindliche Schattenseiten. Der ICE ist so eine Sache: Technisch sicher eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskompetenz, aber nicht so schnell wie er eigentlich sein könnte. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es noch viel schneller geht, und das mit geringerem technischen Aufwand. Mal unterstellt, die Zukunft des regionalen und überregionalen Verkehrs sollte mehr und mehr auf der Schiene stattfinden, dann sind “Randfaktoren” wie Tempo, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, sagen wir mal, nicht ganz nebensächlich. In allen Punkten hat der franzözische TGV die Nase vorn. Denn ein wichtiger Bereich bleibt bei der rein technischen Betrachtung oft außen vor: Der ICE kann meist nicht schneller weil er “nicht schneller darf”. Klingt blöd, ist blöd, entspricht aber leider der bundesrepublikanischen (politischen) Wirklichkeit, in der föderale und dort dann meist parteipolitisch geprägte Interessen alle Vernuftperspektiven und Sachargumente überlagern. So wird der ICE (wie viele andere sinnhafte Anliegen) ausgebremst. Mit Zukunftsorienterung und Innovationsfähigkeit hat das ziemlich wenig zu tun. Da sind die Franzosen mehr als einen Schritt weiter. Christian Wüst hat im “Spiegel” das Dilemma am Beispiel der jüngsten, leistungsoptimieren ICE-Version zusammengefasst.

Hochdruckkessel

Dass sich mit der Globalisierung die wechselseitigen Bezugsgeflechte vervielfacht und dabei Tempo sowie Druck in den inneren Abläufen erheblich erhöht haben, sollte spätestens mit dem wirtschaftlichen Infarkt der letzten eineinhalb Jahre deutlich geworden sein. Die nationalstaatliche Handlungsautonomie hat sich plötzlich als ziemlich beschränkt erwiesen, raus aus dem Schlamassel geht es nur noch gemeinsam. Ein paar Etagen tiefer, im regionalen oder städtischen Umfeld sehen die Aktionsmöglichkeiten noch bescheidener aus. Augen zu und hoffen, ohne Totalschaden durchzukommen. Das scheint an den meisten Orten angesichts sich rapide leerender Kassen die Haltung der Stunde zu sein. Gäbe es Alternativen? Möglicherweise, aber garantiert keine einfach vermittelbaren. Eigentlich ist das so etwas wie die gelbrote Karte für die Politik. Beim nächsten – kurzfristig sowieso nicht haltbaren Versprechen – droht der Platzverweis. Für das demokratische Ringen um den richtigen Weg sind das keine guten Zeiten. Die teuflisch-verführerische Eigendynamik zwischen Wirtschaftspolitik, Investoreninteressen, Renditerwartungen, Terminbörsen, Fonds, Banken und Rohstoffmärkten ist im Grunde kaum mehr durchdringbar. Auch weil viele Investitionsentscheidungen inzwischen die Folge weltweit automatisierter Computerprozesse sind. Könnten städtische Kindergärtenplätze und die Anlagestrategien amerikanischer Pensionsfonds miteinander etwas zu tun haben? Unmittelbar nicht, aber einmal um die Ecke denken, schadet nicht. Ullrich Fichtner hat das Thema “globale Spekulation” in einem spannenden Aufsatz im “Spiegel” zusammengetragen.