Digitale Medien haben den Alltag in den letzten zwei Jahrzehnten wahrscheinlich grundlegender verändert als alle anderen vorangegangenen technischen Innovationen zusammen. So weit, so banal. Eine Ende der “Digitalisierung des Alltags” ist aber noch lange nicht in Sicht. Die gegenwärtigen Debatten über Privatheit, Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle verweisen nur auf einen kleinen Ausschnitt eines tiefer greifenden Prozesses. Ganz besonders die Loslösung der technischen Mediennutzung von einem fixierten Ortsbezug, historisch vom Transistorradio in den 1950ern hin zur “augmented reality” mobiler digitaler Dienste der Gegenwart und Zukunft, eröffnet(e) viele neue Perspektiven – und mindestens ebenso so viele Fragen. Mitchell Schwarzer vom California College of the Arts hat sich in einem ausführlichen (und ebenso bemerkenswerten) Beitrag für den “Design Observer” (Teil1, Teil2) mit den Ursprüngen, den Entwicklungen und den Folgen mobiler Medien auf unsere (Symbol-) Vorstellungen von “Stadt” und “Raum” beschäftigt. Wo traditionell das Zentrum lag, wo Plätze, Häfen, Ein- und Ausfallstraßen mehr oder minder eindeutige Nutzungsfunktionen hatten, kommen jetzt erweiterte (Konsum-) Räume dazu. Nice to look at. Aber wie wollen wir in Zukunft mit der Simulation “gleichzeitiger Allgegenwärtig” umgehen und welchen aktiven Part sind wir bereit, dabei zu übernehmen? Als Handelnde und/oder als Überwachte…?

Go ahead

Es ist wie beim Arzt. An einer Stelle des Körpers zwickt und schmerzt es, an mehreren anderen liegen die Ursachen dafür. Nicht schlecht, wenn man die Zusammenhänge herstellen kann. Noch besser, wenn man weiß, wie alles wieder ins Lot kommt. In genau drei Wochen, am 15.7.2010, stellt sich ein interdisziplinäres Hochschulteam einer, sagen wir mal, durchaus ähnlichen Aufgabe. Auf dem Campus der Universität Augsburg gibt es im Rahmen der “Wissenswelten” der Metropolregion München eine Art Momentaufnahme zu den Herausforderungen zukünftiger Stadtentwicklung zu sehen. Lassen sich die Abhängigkeiten und die Spielräume der oft engen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zwänge und Interessen überhaupt kenntlich machen? Fast immer liegen auch hier einem Problem mehrere, nicht unmittelbar erkennbare Ursachen zugrunde. Ein erster Schritt: Der Versuch, Zusammenhänge und Verbindungen aufzeigen. Bald mehr dazu.

Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Speedlimits

Um Geschwindigkeitsbegrenzungen im engeren Sinne geht es hier nicht, auch wenn eine Abkehr von dieser anachronistischen Dummheit hierzulande überfällig wäre. Es geht um andere Tempo-Probleme. Man muss sich wohl vergegenwärtigen, dass eine neue Mobilitätskultur (Elektromobilität, Intelligente ÖPNV-Modelle, intermodaler Verkehr u.a.m.) nicht so schnell zu etablieren ist, wie viele sich das eventuell wünschen, vor allem weil die Komplexität der Herausforderungen leider etwas unterschätzt zu werden scheint. Das ist aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Welche Faktoren auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik beachtet werden müssen, das lässt sich aus verschiedenen (nicht selten kontroversen) Positionspapieren ablesen. Und nein, es geht hier nicht um Statements der Automobilindustrie gegen fundamentalistische Motorisierungsverweigerer. Das EU-Projekt “Routes to 2050″ verspricht eine interessante Plattform mit ebenso interessanten Fragestellungen zu werden. Tun ließe sich jedoch schon heute etwas. Dass günstige Momente für grundsätzliche Weichenstellungen aber ungenutzt verstreichen wenn man einfach nicht will oder kann, das greift Christian Schwägerl in einem Kommentar für den “Spiegel” auf.

Grüne Medaille

Die Diskussion, ob Olympische Spiele oder andere Megaveranstaltungen mit vielen Jahren Vorbereitungszeit überhaupt noch in das ökologische Raster des 21. Jahrhunderts passen, lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen.  Egal wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Materialschlacht ohne gleichen, alles für ein paar Wochen sportlichen Ehrgeiz, viel Unterhaltung und noch sehr viel mehr Kommerz. Andererseits können solche Anstrengungen ja auch wichtige Entwicklungen lostreten, deren Wirkungen sich erst langsam und im besten Sinne “nachhaltig” auswirken. Die bereits aufflammende Debatte über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 verdeutlicht auch hier den Zwiespalt. In London findet bereist im übernächsten Sommer, 2012, die nächste Olympiade statt. Und auch dort ist die Diskussion seit längerem im Gange, wie nachhaltig und vor allem wie “grün”-innovativ das ganze Vorhaben sein kann. Felicity Carus beleuchtet im “Guardian” die Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Nachbarschaftsneid

Viele Dinge auf die man stolz ist, offenbaren bei näherer Betrachtung leider auch empfindliche Schattenseiten. Der ICE ist so eine Sache: Technisch sicher eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskompetenz, aber nicht so schnell wie er eigentlich sein könnte. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es noch viel schneller geht, und das mit geringerem technischen Aufwand. Mal unterstellt, die Zukunft des regionalen und überregionalen Verkehrs sollte mehr und mehr auf der Schiene stattfinden, dann sind “Randfaktoren” wie Tempo, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, sagen wir mal, nicht ganz nebensächlich. In allen Punkten hat der franzözische TGV die Nase vorn. Denn ein wichtiger Bereich bleibt bei der rein technischen Betrachtung oft außen vor: Der ICE kann meist nicht schneller weil er “nicht schneller darf”. Klingt blöd, ist blöd, entspricht aber leider der bundesrepublikanischen (politischen) Wirklichkeit, in der föderale und dort dann meist parteipolitisch geprägte Interessen alle Vernuftperspektiven und Sachargumente überlagern. So wird der ICE (wie viele andere sinnhafte Anliegen) ausgebremst. Mit Zukunftsorienterung und Innovationsfähigkeit hat das ziemlich wenig zu tun. Da sind die Franzosen mehr als einen Schritt weiter. Christian Wüst hat im “Spiegel” das Dilemma am Beispiel der jüngsten, leistungsoptimieren ICE-Version zusammengefasst.

Nutzhandwerk

Photo: Ken Botnick (Design Observer)Dinge für den Alltag praktisch zu machen, das gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Designers. Leichter versprochen als entwickelt. In einem sehr lesenswerten Artikel für den Design Observer erläutern Ken Botnick und Ira Raja die künstlerische Cleverness indischer Handwerker, die mit einfachen Mitteln und sicherem Auge für das Sinnvolle und das Machbare Alltagsdinge “umfunktionieren”. Daraus ableiten liesse sich sehr schön, was es mit dem malträtrierten Buzzword Innovation eigentlich auf sich haben sollte: Elemente ohne Ressourcenexzesse so zusammenfügen, dass neue nutzwerte Anwendungen möglich sind. Die in den USA an Hochschulen und in Fachzirkeln mittlerweile intensiv geführte Debatte über “design thinking” als Produktentwicklungsprozess bekommt mit dem Erfindungsreichtum indischer Handwerker eine ziemlich pragmatische – und sympathische – Bodenhaftung. Der oben gezeigte Sattelüberzug hat vor allem den Effekt, das eigene Rad inmitten hunderter anderer, kaum unterscheidbarer Drahtesel, sofort identifizieren zu können. Weniger Rohstoffverbrauch, mehr Kreativität.