Bürgerbeteiligung

Ohne offenen Diskurs kann eine tragfähige Stadtentwicklung nicht funktionieren. Hinter verschlossenen Türen zusammenbasteln, was später als Zukunftsmodell verkauft werden soll, basiert auf einigen grundsätzlichen Denkfehlern. Denn fast immer haben (vorgeschobene) Seilschaften und Interessensgruppen aus der Politik mit routiniertem Zugriff auf kommunale Entscheidungsprozesse einen uneinholbaren Vorteil. Alle anderen bleiben, trotz der üblichen gegenteiligen Bekundungen, in der Regel außen vor. Die Barrieren, die vor den Artikulationsmöglichkeit eigener Anliegen, Interessen und Perspektiven stehen, sind sehr hoch. Transparenz und Partizipation sehen anders aus. Das heißt natürlich nicht, jeder unüberlegten Stimmung die Schleusen zu öffnen. Mit Langfristigkeit und Nachhaltigkeit – und darum geht es bei Stadtentwicklungsthemen – hat das selten was zu tun. Eigentlich geht es eher um Wissensvermittlung. Möglicherweise kommt Hilfe aus der Digitalisierung des Medienalltags. Zwar wird in vielen “Sozialen Netzwerken” immens viel heiße Luft verschoben, aber die Hürden, das Wort zu ergreifen und Meinungen zu teilen, sind niedrig. Die technische Handhabe ist inzwischen so einfach, dass eigentlich allen das Mitmachen möglich sein sollte. Klar, uralte, oft verklärte Vorstellungen vom “kommunikativen Marktplatz”, von der “Agora”, tauchen immer wieder auf. Aber die “Social Networks” sind ganz nebenher zum festen Teil des Lebens geworden. Weil “Stadt” immer sehr viel mit Veränderung (und der Vermittlung der Folgen und Auswirklung) zu tun hat, ist es nicht völlig abwegig, sich mit den kooperativen Möglichkeiten der Netzwerkzeuge zu beschäftigen. Die “Deutsche Bank Research” hat kürzlich einen Foliensatz veröffentlicht, der sich mit “Öffnung” und “Innovationssteigerung” durch kollektive Netzwerke beschäftigt. Eigentlich das gleiche Thema, nur eine andere Baustelle.

Next Step Architekturwoche

Gleich nach den “Wissenswelten” zieht das Hochschulprojekt r21 vom Campus der Universität Augsburg ein paar Viertel weiter auf das Gelände des Textil- und Industriemuseums (tim). Dort sind wir Gast der A5 (Fünfte Architekturwoche des BDA Bayern). Thematisch durch das Motto “Umbruch, Abbruch, Aufbruch” eine ideale Umgebung für unser Projekt. Im Laufe der nächsten Tage werden wir versuchen, an dieser Stelle vermehrt architekturrelevante Aspekte der Stadtentwicklung aufzugreifen. Sicher gilt auch hier: Es kann nur helfen, den Blickwinkel zu erweitern und Wahrnehmungen aus den Sozialwissenschaften, der Ökonomie, der Ökologie, der Technologieentwicklung, den Medien und des (erweiterten) Design (-begriffs) ins Spiel zu bringen. So weit. So gut.

Hirnschmalz

Stadt ist Vielfalt. Stadt ist Dynamik. Diese Reibung regt zum Denken an. Aus Kreativität entsteht Neues. Ohne Neues kein zukünftiger Ertrag. So in etwa könnte man, natürlich extrem verkürzt, versuchen, eine nachhaltige urbane “Innovationskette” zu skizzieren. Sehr vieles passiert “nebenan”, auf der Straße, in Labors, Agenturen, Hochschulen, Start-ups, Gründungen. Oft muss man nur die Augen aufmachen (wollen) und ein paar Dinge zusammenführen. Leider tun wir uns sehr oft sehr schwer damit. Warum? Zu wenig Vielfalt, zu wenig Dynamik, zu träge? Kann sein. Ein wenig Schmierstoff für den Kopf liefert eine österreichisch-deutsche EU-Initiative mit dem Namen INFU, die nach sogenannten “innovation patterns” im Alltag Ausschau hält. Was damit gemeint ist, zeigt sehr anschaulich ein Video. Unbedingt reinschauen.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Male or female?

Zukunft beginnt in den Köpfen. Bei der Einstellung in Unternehmen wird immer wieder über eine “Mindestfrauenquote” diskutiert. Frankreich fordert beispielsweise einen Frauenanteil von 50 Prozent in den Aufsichträten. Ein Vorbild? Hierzulande saßen 2007 nur 13 Prozent Frauen in den obersten Entscheidungsgremien der Unternehmen. Das liegt größtenteils daran, dass Frauen – aus verschiedenen Gründen – Teilzeitbeschäftigungen wählen. Würde es für Frauen mit einer sanktionierten Quotenregelung in Unternehmen leichter, Familie und Job zu vereinen? Wohl kaum. Politik und Unternehmen wetteifern bei der vermeintlichen Rettung der Frau aus beruflichen “Seitenstrassen”. Und Unternehmen wissen eigentlich , dass gemischte Teams kreativer und innovativer arbeiten. Durch eine Geschlechterquote soll diese Kreativität nutzbar gemacht werden und zur Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beitragen. Super, aber bitte ohne Quotenregelung. Dafür aber flexiblere Arbeitszeitmodelle für alle. Männer und Frauen. Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Über den Horizont schauen

Was steht an? Entwicklungen, die eventuell Einfluss auf unser zukünftiges Leben haben werden, müssen identifiziert, beobachtet und kritisch befragt werden. Möglicherweise kann man “antizipativ” etwas lernen, also vor dem eigentlichen Problemfall Sorge dafür tragen, dass die Problemursache gar nicht erst entsteht. Schwieriger getan als gesagt. Denn dazu muss man ziemlich weit aus dem eigenen (Elfenbein-) Turm schauen und Dinge wahrnehmen, die man sonst überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen würde. Weil sie uns scheinbar nichts angehen, weil wir keine Zusammenhänge und Bezüge zu unserem Alltag und uns selbst herstellen können (oder wollen), weil Trägheit den Blick verengt. Vielleicht nicht ganz so negativ? Ein recht brauchbarer Ansatz, um ein wenig Dynamik in selbstbezogene Perspektiven zu bekommen, liegt im bewusst herbeigeführten Diskurs unterschiedlicher fachlicher Wahrnehmungen und Verständnisse. Interdisziplinäres Arbeiten, sagt man dazu. Sogenannte Monitoring- und Foresight-Prozesse oder Szenarioplanungen bauen darauf auf. Die seit geraumer Zeit geführten Diskussionen über “Design Thinking“, die Design als komplexe soziologische, technologische und gestalterische Entwicklungsarbei sehen, knüpfen konsequenterweise den Faden in Richtung “Foresight” beziehungsweise “Future Thinking“. Anspruchsvoll, aber sehr anregend.

Bonne idée

Wie der Umgang mit Elektrofahrzeugen im Alltag wirklich funktioniert, das weiß keiner ganz genau. Wo kann man “auftanken”, wie weit und wie lange wird man wirklich fahren können, wie reagieren Fußgänger auf das leise Surren? Gründe gibt es viele, das “neue Fahren” in einer Großstadt erstmal sorgfältig zu erproben. Paris startet einen Versuch und will ab Herst 2011 ingesamt rund 4000 E-Autos zum temporären Mieten bereit stellen. Die jüngst gemachten Erfahrungen mit Fahrrädern waren für die Pariser jedoch nicht richtig ermutigend: Vandalismus und Diebstahl haben die Fahrradflotte in relativ kurzer Zeit ziemlich dezimiert.  Vermutlich steht aber hinter dem Großversuch die Automobilindustrie, die diese Gelegenheit zum Praxistest naturlich nicht ungenutzt lassen kann. Geklaute Teile werden in Kauf genommen, die zu gewinnenden Erfahrungen – Batteriewechsel, Versorgungsinfrastruktren, Zuverlässigkeit, Nutzungsverhalten, Akzeptanz – sind bestimmt verlockend. Nicht nur für die Industrie, sicher auch für große Stadtregionen wie Paris inklusive Umland.

Der demographische Wandel ist in vollem Gang. Je nach dem, aus welcher Sicht man sich der Sache annimmt, findet sich Gutes und weniger Gutes. Letzteres vermutlich öfter. Aber bleiben wir mal eine Minute bei möglichen positiven Auswirkungen: Seniorengerechte Wohnungen sind keine Lebensräume für Alte, sondern, konsequent durchdacht, schlicht und ergreifend die besseren Räume. Das gleiche gilt eigentlich auch für jedes Industrieprodukt, vom Computer bis zum Auto. Wenn Anwendungsfreundlichkeit und Ergonomie über Firlefanz und Styling dominieren, prima.  Neu erfinden muss man dies nicht, und viel wäre gewonnen, wenn die Industrie einfach nur sorgfältig durchdachte und gestaltete (und damit meist auch langlebigere) Produkte anbieten würde. Gute Beispiele gab es immer. Ah, nein, wie langweilig und öde, immer die alten Kamellen. Die reflexartigen Zwischenrufe sind vorproduziert. Geschenkt. Die Kundschaft für technischen Nippes wird von alleine kleiner, die Demographie macht’s möglich. Die Deutsche Bank Research hat sich mit diesen Fragen und den zukünftigen Anforderungen an IT-Geräte beschäftigt. Interessanter Foliensatz, einfach mal durchklicken.

Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.