Hirnschmalz

Stadt ist Vielfalt. Stadt ist Dynamik. Diese Reibung regt zum Denken an. Aus Kreativität entsteht Neues. Ohne Neues kein zukünftiger Ertrag. So in etwa könnte man, natürlich extrem verkürzt, versuchen, eine nachhaltige urbane “Innovationskette” zu skizzieren. Sehr vieles passiert “nebenan”, auf der Straße, in Labors, Agenturen, Hochschulen, Start-ups, Gründungen. Oft muss man nur die Augen aufmachen (wollen) und ein paar Dinge zusammenführen. Leider tun wir uns sehr oft sehr schwer damit. Warum? Zu wenig Vielfalt, zu wenig Dynamik, zu träge? Kann sein. Ein wenig Schmierstoff für den Kopf liefert eine österreichisch-deutsche EU-Initiative mit dem Namen INFU, die nach sogenannten “innovation patterns” im Alltag Ausschau hält. Was damit gemeint ist, zeigt sehr anschaulich ein Video. Unbedingt reinschauen.

Is less more?

Bis zum Jahr 2020 wird mehr als jeder dritte Erwerbstätige in Europa das 50. Lebensjahr überschritten haben. Durch diese strukturellen Veränderungen werden sich auch soziale und kulturelle Gefüge verändern. Das hat natürlich große Auswirkungen auf die bisherige Arbeitswelt. Ein über 50-jähriger Arbeitnehmer hat andere Bedürfnisse, aber auch andere Qualifikationen als ein 30-jähriger Berufstätiger. Eine entsprechende (Neu-) Orientierung der Arbeitsorganisation könnte ein wichtiges Thema für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen werden. Vor allem im internationalen Wettbewerb. Denn im Gegensatz zu anderen Kontinenten werden in Europa schon in zehn Jahren die Folgen des demographischen Wandels spürbar sein. Unternehmen in einer postindustriellen Arbeitswelt werden zur Bewältigung der Herausforderungen eine “Renaissance des Stellenwertes des Menschen im Unternehmen” anstreben müssen. Zwei Kernfragen lauten deshalb: Wie möchten (und wie können) wir in unseren Berufswelten alt werden? Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Male or female?

Zukunft beginnt in den Köpfen. Bei der Einstellung in Unternehmen wird immer wieder über eine “Mindestfrauenquote” diskutiert. Frankreich fordert beispielsweise einen Frauenanteil von 50 Prozent in den Aufsichträten. Ein Vorbild? Hierzulande saßen 2007 nur 13 Prozent Frauen in den obersten Entscheidungsgremien der Unternehmen. Das liegt größtenteils daran, dass Frauen – aus verschiedenen Gründen – Teilzeitbeschäftigungen wählen. Würde es für Frauen mit einer sanktionierten Quotenregelung in Unternehmen leichter, Familie und Job zu vereinen? Wohl kaum. Politik und Unternehmen wetteifern bei der vermeintlichen Rettung der Frau aus beruflichen “Seitenstrassen”. Und Unternehmen wissen eigentlich , dass gemischte Teams kreativer und innovativer arbeiten. Durch eine Geschlechterquote soll diese Kreativität nutzbar gemacht werden und zur Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beitragen. Super, aber bitte ohne Quotenregelung. Dafür aber flexiblere Arbeitszeitmodelle für alle. Männer und Frauen. Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Über den Horizont schauen

Was steht an? Entwicklungen, die eventuell Einfluss auf unser zukünftiges Leben haben werden, müssen identifiziert, beobachtet und kritisch befragt werden. Möglicherweise kann man “antizipativ” etwas lernen, also vor dem eigentlichen Problemfall Sorge dafür tragen, dass die Problemursache gar nicht erst entsteht. Schwieriger getan als gesagt. Denn dazu muss man ziemlich weit aus dem eigenen (Elfenbein-) Turm schauen und Dinge wahrnehmen, die man sonst überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen würde. Weil sie uns scheinbar nichts angehen, weil wir keine Zusammenhänge und Bezüge zu unserem Alltag und uns selbst herstellen können (oder wollen), weil Trägheit den Blick verengt. Vielleicht nicht ganz so negativ? Ein recht brauchbarer Ansatz, um ein wenig Dynamik in selbstbezogene Perspektiven zu bekommen, liegt im bewusst herbeigeführten Diskurs unterschiedlicher fachlicher Wahrnehmungen und Verständnisse. Interdisziplinäres Arbeiten, sagt man dazu. Sogenannte Monitoring- und Foresight-Prozesse oder Szenarioplanungen bauen darauf auf. Die seit geraumer Zeit geführten Diskussionen über “Design Thinking“, die Design als komplexe soziologische, technologische und gestalterische Entwicklungsarbei sehen, knüpfen konsequenterweise den Faden in Richtung “Foresight” beziehungsweise “Future Thinking“. Anspruchsvoll, aber sehr anregend.

Nutzhandwerk

Photo: Ken Botnick (Design Observer)Dinge für den Alltag praktisch zu machen, das gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Designers. Leichter versprochen als entwickelt. In einem sehr lesenswerten Artikel für den Design Observer erläutern Ken Botnick und Ira Raja die künstlerische Cleverness indischer Handwerker, die mit einfachen Mitteln und sicherem Auge für das Sinnvolle und das Machbare Alltagsdinge “umfunktionieren”. Daraus ableiten liesse sich sehr schön, was es mit dem malträtrierten Buzzword Innovation eigentlich auf sich haben sollte: Elemente ohne Ressourcenexzesse so zusammenfügen, dass neue nutzwerte Anwendungen möglich sind. Die in den USA an Hochschulen und in Fachzirkeln mittlerweile intensiv geführte Debatte über “design thinking” als Produktentwicklungsprozess bekommt mit dem Erfindungsreichtum indischer Handwerker eine ziemlich pragmatische – und sympathische – Bodenhaftung. Der oben gezeigte Sattelüberzug hat vor allem den Effekt, das eigene Rad inmitten hunderter anderer, kaum unterscheidbarer Drahtesel, sofort identifizieren zu können. Weniger Rohstoffverbrauch, mehr Kreativität.

Hochdruckkessel

Dass sich mit der Globalisierung die wechselseitigen Bezugsgeflechte vervielfacht und dabei Tempo sowie Druck in den inneren Abläufen erheblich erhöht haben, sollte spätestens mit dem wirtschaftlichen Infarkt der letzten eineinhalb Jahre deutlich geworden sein. Die nationalstaatliche Handlungsautonomie hat sich plötzlich als ziemlich beschränkt erwiesen, raus aus dem Schlamassel geht es nur noch gemeinsam. Ein paar Etagen tiefer, im regionalen oder städtischen Umfeld sehen die Aktionsmöglichkeiten noch bescheidener aus. Augen zu und hoffen, ohne Totalschaden durchzukommen. Das scheint an den meisten Orten angesichts sich rapide leerender Kassen die Haltung der Stunde zu sein. Gäbe es Alternativen? Möglicherweise, aber garantiert keine einfach vermittelbaren. Eigentlich ist das so etwas wie die gelbrote Karte für die Politik. Beim nächsten – kurzfristig sowieso nicht haltbaren Versprechen – droht der Platzverweis. Für das demokratische Ringen um den richtigen Weg sind das keine guten Zeiten. Die teuflisch-verführerische Eigendynamik zwischen Wirtschaftspolitik, Investoreninteressen, Renditerwartungen, Terminbörsen, Fonds, Banken und Rohstoffmärkten ist im Grunde kaum mehr durchdringbar. Auch weil viele Investitionsentscheidungen inzwischen die Folge weltweit automatisierter Computerprozesse sind. Könnten städtische Kindergärtenplätze und die Anlagestrategien amerikanischer Pensionsfonds miteinander etwas zu tun haben? Unmittelbar nicht, aber einmal um die Ecke denken, schadet nicht. Ullrich Fichtner hat das Thema “globale Spekulation” in einem spannenden Aufsatz im “Spiegel” zusammengetragen.