Amüsanter Clip. Was haben digitale Medien und Stadträume miteinander zu tun? Eine Menge. Und in Zukunft noch sehr viel mehr. Dass wir detaillierte Spuren im Internet hinterlassen, das hat sich wahrscheinlich schon bis zum “ab und zu” -User herumgesprochen. Inzwischen sind viele Menschen, besonders jüngere, in den unterschiedlichsten “Social Networks”, von Facebook bis zu den diversen VZs, zuhause und informieren andere Nutzer (und Gott und die Welt) über private und berufliche Dinge. Wen das interessiert? Egal. Generiert werden in jedem Fall unendliche Mengen an Daten. Das ist die relevante (Netz-) Währung, je persönlicher, je situations- und ortsgebundener, umso besser. Um diese Datensätze herum werden Werbeinhalte konzipiert. Scheinbar passgenau auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Immer und überall. Kann sein, dass das jemand toll findet und begrüßt. Vorstellen muss man sich das aber eher als Plage, wie einen nervigen und peinigenden Mückenschwarm, den man nicht mehr los wird. Heute auf den Desktops und Notebooks,  schrittweise auf mobilen Geräten, später auf allen möglichen Objekten. Großen und kleinen. Auf Straßen, Plätzen, Gebäuden, Tag und Nacht. Orwell? Harmloses Vorspiel.

Bürgerbeteiligung

Ohne offenen Diskurs kann eine tragfähige Stadtentwicklung nicht funktionieren. Hinter verschlossenen Türen zusammenbasteln, was später als Zukunftsmodell verkauft werden soll, basiert auf einigen grundsätzlichen Denkfehlern. Denn fast immer haben (vorgeschobene) Seilschaften und Interessensgruppen aus der Politik mit routiniertem Zugriff auf kommunale Entscheidungsprozesse einen uneinholbaren Vorteil. Alle anderen bleiben, trotz der üblichen gegenteiligen Bekundungen, in der Regel außen vor. Die Barrieren, die vor den Artikulationsmöglichkeit eigener Anliegen, Interessen und Perspektiven stehen, sind sehr hoch. Transparenz und Partizipation sehen anders aus. Das heißt natürlich nicht, jeder unüberlegten Stimmung die Schleusen zu öffnen. Mit Langfristigkeit und Nachhaltigkeit – und darum geht es bei Stadtentwicklungsthemen – hat das selten was zu tun. Eigentlich geht es eher um Wissensvermittlung. Möglicherweise kommt Hilfe aus der Digitalisierung des Medienalltags. Zwar wird in vielen “Sozialen Netzwerken” immens viel heiße Luft verschoben, aber die Hürden, das Wort zu ergreifen und Meinungen zu teilen, sind niedrig. Die technische Handhabe ist inzwischen so einfach, dass eigentlich allen das Mitmachen möglich sein sollte. Klar, uralte, oft verklärte Vorstellungen vom “kommunikativen Marktplatz”, von der “Agora”, tauchen immer wieder auf. Aber die “Social Networks” sind ganz nebenher zum festen Teil des Lebens geworden. Weil “Stadt” immer sehr viel mit Veränderung (und der Vermittlung der Folgen und Auswirklung) zu tun hat, ist es nicht völlig abwegig, sich mit den kooperativen Möglichkeiten der Netzwerkzeuge zu beschäftigen. Die “Deutsche Bank Research” hat kürzlich einen Foliensatz veröffentlicht, der sich mit “Öffnung” und “Innovationssteigerung” durch kollektive Netzwerke beschäftigt. Eigentlich das gleiche Thema, nur eine andere Baustelle.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Hochdruckkessel

Dass sich mit der Globalisierung die wechselseitigen Bezugsgeflechte vervielfacht und dabei Tempo sowie Druck in den inneren Abläufen erheblich erhöht haben, sollte spätestens mit dem wirtschaftlichen Infarkt der letzten eineinhalb Jahre deutlich geworden sein. Die nationalstaatliche Handlungsautonomie hat sich plötzlich als ziemlich beschränkt erwiesen, raus aus dem Schlamassel geht es nur noch gemeinsam. Ein paar Etagen tiefer, im regionalen oder städtischen Umfeld sehen die Aktionsmöglichkeiten noch bescheidener aus. Augen zu und hoffen, ohne Totalschaden durchzukommen. Das scheint an den meisten Orten angesichts sich rapide leerender Kassen die Haltung der Stunde zu sein. Gäbe es Alternativen? Möglicherweise, aber garantiert keine einfach vermittelbaren. Eigentlich ist das so etwas wie die gelbrote Karte für die Politik. Beim nächsten – kurzfristig sowieso nicht haltbaren Versprechen – droht der Platzverweis. Für das demokratische Ringen um den richtigen Weg sind das keine guten Zeiten. Die teuflisch-verführerische Eigendynamik zwischen Wirtschaftspolitik, Investoreninteressen, Renditerwartungen, Terminbörsen, Fonds, Banken und Rohstoffmärkten ist im Grunde kaum mehr durchdringbar. Auch weil viele Investitionsentscheidungen inzwischen die Folge weltweit automatisierter Computerprozesse sind. Könnten städtische Kindergärtenplätze und die Anlagestrategien amerikanischer Pensionsfonds miteinander etwas zu tun haben? Unmittelbar nicht, aber einmal um die Ecke denken, schadet nicht. Ullrich Fichtner hat das Thema “globale Spekulation” in einem spannenden Aufsatz im “Spiegel” zusammengetragen.