Revitalisierung

Das Thema ist auch hier bekannt: Urbane Räume wachsen nicht nur, an vielen Orten schrumpfen städtische Territorien. In Ostdeutschland ein veritables Problem. Der schnell als Ursache in die Debatte gebrachte demographische Wandel taugt aber nicht als Alleinerklärungsmodell. Es gibt verschiedene Gründe. Und Motive. Zunächst einmal muss man einfach zur Kenntnis nehmen, dass den Orten die Menschen “irgendwie” abhanden kommen. Klingt blöd, aber darüber sollte zuerst nachgedacht werden. Naheliegend sind wirtschaftliche, aber auch kulturelle und soziale Prozesse, die Stadträume, Schritt für Schritt, zu öden und unwirtlichen Territorien werden lassen. Was kann man tun? Die IBA Sachsen-Anhalt 2010 hat sich unter dem schönen Motto “Weniger ist Zukunft” auch damit auseinandergesetzt. Strukturwandel ist ein immer wieder auftauchendes, und deshalb nicht weniger passendes “buzzword” in diesem Zusammenhang.  Die amerikanische Autostadt Detroit vereinigt ziemlich sicher verschiedene “Treiber”, die im schlimmsten Fall zum totalen Verlust von lebenswertem Stadtraum führen. Der “Design Observer” stellt in einem Beitrag Ideen und Initaitiven aus Detroit vor, die den unumkehrbaren Wandel als Anlaß nehmen, verloren geglaubten Stadtraum neu und etwas “anders” zu revitalisieren.

Is less more?

Bis zum Jahr 2020 wird mehr als jeder dritte Erwerbstätige in Europa das 50. Lebensjahr überschritten haben. Durch diese strukturellen Veränderungen werden sich auch soziale und kulturelle Gefüge verändern. Das hat natürlich große Auswirkungen auf die bisherige Arbeitswelt. Ein über 50-jähriger Arbeitnehmer hat andere Bedürfnisse, aber auch andere Qualifikationen als ein 30-jähriger Berufstätiger. Eine entsprechende (Neu-) Orientierung der Arbeitsorganisation könnte ein wichtiges Thema für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen werden. Vor allem im internationalen Wettbewerb. Denn im Gegensatz zu anderen Kontinenten werden in Europa schon in zehn Jahren die Folgen des demographischen Wandels spürbar sein. Unternehmen in einer postindustriellen Arbeitswelt werden zur Bewältigung der Herausforderungen eine “Renaissance des Stellenwertes des Menschen im Unternehmen” anstreben müssen. Zwei Kernfragen lauten deshalb: Wie möchten (und wie können) wir in unseren Berufswelten alt werden? Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Über den Horizont schauen

Was steht an? Entwicklungen, die eventuell Einfluss auf unser zukünftiges Leben haben werden, müssen identifiziert, beobachtet und kritisch befragt werden. Möglicherweise kann man “antizipativ” etwas lernen, also vor dem eigentlichen Problemfall Sorge dafür tragen, dass die Problemursache gar nicht erst entsteht. Schwieriger getan als gesagt. Denn dazu muss man ziemlich weit aus dem eigenen (Elfenbein-) Turm schauen und Dinge wahrnehmen, die man sonst überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen würde. Weil sie uns scheinbar nichts angehen, weil wir keine Zusammenhänge und Bezüge zu unserem Alltag und uns selbst herstellen können (oder wollen), weil Trägheit den Blick verengt. Vielleicht nicht ganz so negativ? Ein recht brauchbarer Ansatz, um ein wenig Dynamik in selbstbezogene Perspektiven zu bekommen, liegt im bewusst herbeigeführten Diskurs unterschiedlicher fachlicher Wahrnehmungen und Verständnisse. Interdisziplinäres Arbeiten, sagt man dazu. Sogenannte Monitoring- und Foresight-Prozesse oder Szenarioplanungen bauen darauf auf. Die seit geraumer Zeit geführten Diskussionen über “Design Thinking“, die Design als komplexe soziologische, technologische und gestalterische Entwicklungsarbei sehen, knüpfen konsequenterweise den Faden in Richtung “Foresight” beziehungsweise “Future Thinking“. Anspruchsvoll, aber sehr anregend.

Der demographische Wandel ist in vollem Gang. Je nach dem, aus welcher Sicht man sich der Sache annimmt, findet sich Gutes und weniger Gutes. Letzteres vermutlich öfter. Aber bleiben wir mal eine Minute bei möglichen positiven Auswirkungen: Seniorengerechte Wohnungen sind keine Lebensräume für Alte, sondern, konsequent durchdacht, schlicht und ergreifend die besseren Räume. Das gleiche gilt eigentlich auch für jedes Industrieprodukt, vom Computer bis zum Auto. Wenn Anwendungsfreundlichkeit und Ergonomie über Firlefanz und Styling dominieren, prima.  Neu erfinden muss man dies nicht, und viel wäre gewonnen, wenn die Industrie einfach nur sorgfältig durchdachte und gestaltete (und damit meist auch langlebigere) Produkte anbieten würde. Gute Beispiele gab es immer. Ah, nein, wie langweilig und öde, immer die alten Kamellen. Die reflexartigen Zwischenrufe sind vorproduziert. Geschenkt. Die Kundschaft für technischen Nippes wird von alleine kleiner, die Demographie macht’s möglich. Die Deutsche Bank Research hat sich mit diesen Fragen und den zukünftigen Anforderungen an IT-Geräte beschäftigt. Interessanter Foliensatz, einfach mal durchklicken.

Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.

Go ahead

Es ist wie beim Arzt. An einer Stelle des Körpers zwickt und schmerzt es, an mehreren anderen liegen die Ursachen dafür. Nicht schlecht, wenn man die Zusammenhänge herstellen kann. Noch besser, wenn man weiß, wie alles wieder ins Lot kommt. In genau drei Wochen, am 15.7.2010, stellt sich ein interdisziplinäres Hochschulteam einer, sagen wir mal, durchaus ähnlichen Aufgabe. Auf dem Campus der Universität Augsburg gibt es im Rahmen der “Wissenswelten” der Metropolregion München eine Art Momentaufnahme zu den Herausforderungen zukünftiger Stadtentwicklung zu sehen. Lassen sich die Abhängigkeiten und die Spielräume der oft engen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zwänge und Interessen überhaupt kenntlich machen? Fast immer liegen auch hier einem Problem mehrere, nicht unmittelbar erkennbare Ursachen zugrunde. Ein erster Schritt: Der Versuch, Zusammenhänge und Verbindungen aufzeigen. Bald mehr dazu.

Lebensgrundlagen

Die nächsten Jahrzehnte werden gravierende Veränderungen für das Leben in der Städten mit sich bringen. Immer weniger Geld in den kommunalen Kassen, egal wie florierend sich die Wirtschaft entwickelt, die Folgen des demographische Wandels werden kaum noch Investitionsspielräume zulassen. Aber es geht nicht nur um das Ausgeben, sondern auch um das Gestalten bestehender sozialer und kultureller Rahmenbedingungen. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit dem “Wegweiser Kommune” ein interessantes Portal mit einer Menge an Daten, Grafiken und weiterführenden Hinweisen eingerichtet. Nun ist die Stiftung aus Gütersloh bekanntlich keine rein öffentliche Einrichtung und versucht in anderen Bereichen, etwa der Bilung, auch immer wieder bestimmte gesellschaftspolitische Akzente zu setzen. Das sollte man ganz am Rande zumindest zur Kenntnis nehmen.  Der Qualität der Initiative tut dies in diesen Fall – gegenwärtig – keinen Abbruch.