Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.

Digitale Medien haben den Alltag in den letzten zwei Jahrzehnten wahrscheinlich grundlegender verändert als alle anderen vorangegangenen technischen Innovationen zusammen. So weit, so banal. Eine Ende der “Digitalisierung des Alltags” ist aber noch lange nicht in Sicht. Die gegenwärtigen Debatten über Privatheit, Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle verweisen nur auf einen kleinen Ausschnitt eines tiefer greifenden Prozesses. Ganz besonders die Loslösung der technischen Mediennutzung von einem fixierten Ortsbezug, historisch vom Transistorradio in den 1950ern hin zur “augmented reality” mobiler digitaler Dienste der Gegenwart und Zukunft, eröffnet(e) viele neue Perspektiven – und mindestens ebenso so viele Fragen. Mitchell Schwarzer vom California College of the Arts hat sich in einem ausführlichen (und ebenso bemerkenswerten) Beitrag für den “Design Observer” (Teil1, Teil2) mit den Ursprüngen, den Entwicklungen und den Folgen mobiler Medien auf unsere (Symbol-) Vorstellungen von “Stadt” und “Raum” beschäftigt. Wo traditionell das Zentrum lag, wo Plätze, Häfen, Ein- und Ausfallstraßen mehr oder minder eindeutige Nutzungsfunktionen hatten, kommen jetzt erweiterte (Konsum-) Räume dazu. Nice to look at. Aber wie wollen wir in Zukunft mit der Simulation “gleichzeitiger Allgegenwärtig” umgehen und welchen aktiven Part sind wir bereit, dabei zu übernehmen? Als Handelnde und/oder als Überwachte…?

Go ahead

Es ist wie beim Arzt. An einer Stelle des Körpers zwickt und schmerzt es, an mehreren anderen liegen die Ursachen dafür. Nicht schlecht, wenn man die Zusammenhänge herstellen kann. Noch besser, wenn man weiß, wie alles wieder ins Lot kommt. In genau drei Wochen, am 15.7.2010, stellt sich ein interdisziplinäres Hochschulteam einer, sagen wir mal, durchaus ähnlichen Aufgabe. Auf dem Campus der Universität Augsburg gibt es im Rahmen der “Wissenswelten” der Metropolregion München eine Art Momentaufnahme zu den Herausforderungen zukünftiger Stadtentwicklung zu sehen. Lassen sich die Abhängigkeiten und die Spielräume der oft engen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zwänge und Interessen überhaupt kenntlich machen? Fast immer liegen auch hier einem Problem mehrere, nicht unmittelbar erkennbare Ursachen zugrunde. Ein erster Schritt: Der Versuch, Zusammenhänge und Verbindungen aufzeigen. Bald mehr dazu.

Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Speedlimits

Um Geschwindigkeitsbegrenzungen im engeren Sinne geht es hier nicht, auch wenn eine Abkehr von dieser anachronistischen Dummheit hierzulande überfällig wäre. Es geht um andere Tempo-Probleme. Man muss sich wohl vergegenwärtigen, dass eine neue Mobilitätskultur (Elektromobilität, Intelligente ÖPNV-Modelle, intermodaler Verkehr u.a.m.) nicht so schnell zu etablieren ist, wie viele sich das eventuell wünschen, vor allem weil die Komplexität der Herausforderungen leider etwas unterschätzt zu werden scheint. Das ist aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Welche Faktoren auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik beachtet werden müssen, das lässt sich aus verschiedenen (nicht selten kontroversen) Positionspapieren ablesen. Und nein, es geht hier nicht um Statements der Automobilindustrie gegen fundamentalistische Motorisierungsverweigerer. Das EU-Projekt “Routes to 2050″ verspricht eine interessante Plattform mit ebenso interessanten Fragestellungen zu werden. Tun ließe sich jedoch schon heute etwas. Dass günstige Momente für grundsätzliche Weichenstellungen aber ungenutzt verstreichen wenn man einfach nicht will oder kann, das greift Christian Schwägerl in einem Kommentar für den “Spiegel” auf.

Wechselströme

Der Begriff “Gentrifizierung” läuft momentan Gefahr, zu einem der unsympathischsten Symbolbegriffe städtischer Veränderung zu werden. Verkürzt dargestellt geht es darum, dass einzelne Stadtviertel durch das Interesse eines bestimmten Publikums – eher unkonventionell, jung, kreativ, knapp bei Kasse – “bespielt” werden: Ausgehen, Wohnen, Arbeiten. Diese “Nutzung” zieht in der Folge wiederum eine andere, etwas solventere Klientel an, die es schätzt, dass sich dieses Quartier jetzt bunter, vielfältiger, attraktiver als zuvor darstellt. Das macht urbanes Leben im Kern aus, die Sogwirkung entsteht fast von alleine. Das eigentliche Problem beginnt aber erst jetzt: Eine wirtschaftlich noch deutlich potentere Kundschaft, in der Regel eher wenig kreativ, auch wenn sie sich selbst sicher so sieht, älter und statisch in ihren kulturellen und sozialen Ritualen, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf diese Stadträume. Geld spielt keine vorrangige Rolle, der Schein und das Image zählen, dafür ist man bereit, entsprechende finanzielle Mittel einzusetzen. Häuser werden sehr aufwändig und teuer saniert, der neu entstandene Wohnraum wird oft nur temporär genutzt, die Infrastruktur passt sich an. Den anderen, bisher dort lebenden Menschen, alt und jung, wird der Alltag (Wohnraum, Freizeit, Warenangebot) schnell zu teuer, der Umzug in andere Quartiere wird unumgänglich.  In München (wie in Hamburg oder Berlin und anderen großen Städten) ist dies an verschiedenen Stellen seit längerem zu beobachten. Teilweise vehement ausgetragene Konflikte bleiben nicht aus. Die “Süddeutsche Zeitung” hat diese Thematik kürzlich (erneut) aufgegriffen und diesmal auch mit einem Wissenschaftler über das Phänomen “Gentrifizierung” gesprochen. Weil das aber alles nicht Neues ist, lohnt es sich auch, einige ältere Momentaufnahmen, etwa im Magazin “salon.com” oder in der “Village Voice“, zur Entwicklung in den USA anzusehen.

Grüne Medaille

Die Diskussion, ob Olympische Spiele oder andere Megaveranstaltungen mit vielen Jahren Vorbereitungszeit überhaupt noch in das ökologische Raster des 21. Jahrhunderts passen, lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen.  Egal wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Materialschlacht ohne gleichen, alles für ein paar Wochen sportlichen Ehrgeiz, viel Unterhaltung und noch sehr viel mehr Kommerz. Andererseits können solche Anstrengungen ja auch wichtige Entwicklungen lostreten, deren Wirkungen sich erst langsam und im besten Sinne “nachhaltig” auswirken. Die bereits aufflammende Debatte über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 verdeutlicht auch hier den Zwiespalt. In London findet bereist im übernächsten Sommer, 2012, die nächste Olympiade statt. Und auch dort ist die Diskussion seit längerem im Gange, wie nachhaltig und vor allem wie “grün”-innovativ das ganze Vorhaben sein kann. Felicity Carus beleuchtet im “Guardian” die Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Utopia reloaded

So schlimm kommt es hoffentlich nicht. Oder doch? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind im Rahmen einer aktuellen Ausstellung Perspektiven, Konzepte und Visionen über das Leben und Wohnen nach der Klimakatastrophe in Augenschein zu nehmen. Das meiste sieht komischerweise nach 1970er Jahre Utopie aus, einiges immer noch erstaunlich interessant, vieles hingegen eher schauerlich. Dass die nächsten Jahrzehnte viele soziales und ökologische Veränderungen bringen werden, darüber lässt sich trefflich lamentieren. Ein Weg daran vorbei führt aber nicht. Ob urbanes Leben aber zwangsläufig wie in den Trümmern von Tschernobyl zu bewältigen sein wird, das wird sich auch daran messen, wieviel Entspanntheit und Unaufgeregtheit wir bei der Gestaltung einer “ökologischen Zukunft” an den Tag legen werden. Leider wurde das Thema Umwelt noch nie locker angegangen. Nicht von denen, die sich einen Kehricht drum kümmern, ebensowenig wie von jenen, die den Alleinanspruch des “richtigen” Weges für sich reklamieren. Stimmen zur Ausstellung in der FAZ und in der Tageszeitung.

Nachbarschaftsneid

Viele Dinge auf die man stolz ist, offenbaren bei näherer Betrachtung leider auch empfindliche Schattenseiten. Der ICE ist so eine Sache: Technisch sicher eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskompetenz, aber nicht so schnell wie er eigentlich sein könnte. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es noch viel schneller geht, und das mit geringerem technischen Aufwand. Mal unterstellt, die Zukunft des regionalen und überregionalen Verkehrs sollte mehr und mehr auf der Schiene stattfinden, dann sind “Randfaktoren” wie Tempo, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, sagen wir mal, nicht ganz nebensächlich. In allen Punkten hat der franzözische TGV die Nase vorn. Denn ein wichtiger Bereich bleibt bei der rein technischen Betrachtung oft außen vor: Der ICE kann meist nicht schneller weil er “nicht schneller darf”. Klingt blöd, ist blöd, entspricht aber leider der bundesrepublikanischen (politischen) Wirklichkeit, in der föderale und dort dann meist parteipolitisch geprägte Interessen alle Vernuftperspektiven und Sachargumente überlagern. So wird der ICE (wie viele andere sinnhafte Anliegen) ausgebremst. Mit Zukunftsorienterung und Innovationsfähigkeit hat das ziemlich wenig zu tun. Da sind die Franzosen mehr als einen Schritt weiter. Christian Wüst hat im “Spiegel” das Dilemma am Beispiel der jüngsten, leistungsoptimieren ICE-Version zusammengefasst.

Bewegung

Eine Wette darauf: Der Individualverkehr in Stadträumen wird sich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren komplett anders darstellen (müssen). Das hat ökologische und ökonomische Gründe, aber auch einige kulturelle Faktoren werden ein Umkrempeln unserer Mobilitätsrituale beschleunigen. Das laute, große und vermeintlich kraftstrotzende Auto wird zur Lachnummer. Das ist gut so. Wie das alles schrittweise passieren könnte und welche veränderten Wahrnehmungen damit einhergehen, darüber machen sich Designer, Soziologen und Stadtentwickler bereits Gedanken. Vereinzelt stehen auch Automobilhersteller als Begleiter dabei, denn sie wissen: Das Auto und der Verkehr der Zukunft werden mit dem bisherigen Geschäft nicht mehr so viel zu tun haben.