Utopia reloaded

So schlimm kommt es hoffentlich nicht. Oder doch? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind im Rahmen einer aktuellen Ausstellung Perspektiven, Konzepte und Visionen über das Leben und Wohnen nach der Klimakatastrophe in Augenschein zu nehmen. Das meiste sieht komischerweise nach 1970er Jahre Utopie aus, einiges immer noch erstaunlich interessant, vieles hingegen eher schauerlich. Dass die nächsten Jahrzehnte viele soziales und ökologische Veränderungen bringen werden, darüber lässt sich trefflich lamentieren. Ein Weg daran vorbei führt aber nicht. Ob urbanes Leben aber zwangsläufig wie in den Trümmern von Tschernobyl zu bewältigen sein wird, das wird sich auch daran messen, wieviel Entspanntheit und Unaufgeregtheit wir bei der Gestaltung einer “ökologischen Zukunft” an den Tag legen werden. Leider wurde das Thema Umwelt noch nie locker angegangen. Nicht von denen, die sich einen Kehricht drum kümmern, ebensowenig wie von jenen, die den Alleinanspruch des “richtigen” Weges für sich reklamieren. Stimmen zur Ausstellung in der FAZ und in der Tageszeitung.

Nachbarschaftsneid

Viele Dinge auf die man stolz ist, offenbaren bei näherer Betrachtung leider auch empfindliche Schattenseiten. Der ICE ist so eine Sache: Technisch sicher eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskompetenz, aber nicht so schnell wie er eigentlich sein könnte. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es noch viel schneller geht, und das mit geringerem technischen Aufwand. Mal unterstellt, die Zukunft des regionalen und überregionalen Verkehrs sollte mehr und mehr auf der Schiene stattfinden, dann sind “Randfaktoren” wie Tempo, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, sagen wir mal, nicht ganz nebensächlich. In allen Punkten hat der franzözische TGV die Nase vorn. Denn ein wichtiger Bereich bleibt bei der rein technischen Betrachtung oft außen vor: Der ICE kann meist nicht schneller weil er “nicht schneller darf”. Klingt blöd, ist blöd, entspricht aber leider der bundesrepublikanischen (politischen) Wirklichkeit, in der föderale und dort dann meist parteipolitisch geprägte Interessen alle Vernuftperspektiven und Sachargumente überlagern. So wird der ICE (wie viele andere sinnhafte Anliegen) ausgebremst. Mit Zukunftsorienterung und Innovationsfähigkeit hat das ziemlich wenig zu tun. Da sind die Franzosen mehr als einen Schritt weiter. Christian Wüst hat im “Spiegel” das Dilemma am Beispiel der jüngsten, leistungsoptimieren ICE-Version zusammengefasst.

Bewegung

Eine Wette darauf: Der Individualverkehr in Stadträumen wird sich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren komplett anders darstellen (müssen). Das hat ökologische und ökonomische Gründe, aber auch einige kulturelle Faktoren werden ein Umkrempeln unserer Mobilitätsrituale beschleunigen. Das laute, große und vermeintlich kraftstrotzende Auto wird zur Lachnummer. Das ist gut so. Wie das alles schrittweise passieren könnte und welche veränderten Wahrnehmungen damit einhergehen, darüber machen sich Designer, Soziologen und Stadtentwickler bereits Gedanken. Vereinzelt stehen auch Automobilhersteller als Begleiter dabei, denn sie wissen: Das Auto und der Verkehr der Zukunft werden mit dem bisherigen Geschäft nicht mehr so viel zu tun haben.

Hier und jetzt

Das Ruhrgebiet feiert sich gerade als europäische Kulturhauptstadt 2010. Und das wird, zumindest an den zentralen Anlaufstellen wie beispielsweise der Zeche Zollverein in Essen, ziemlich eindrucksvoll gemacht. Eindrucksvoll deshalb, weil man nicht mit gelackten, inhaltsleeren Bildhülsen belästigt wird. Eindrucksvoll, weil man nicht versucht, den Alltag mit seinen Ecken und Kanten, Hässlichkeiten und Widersprüchen durch das übliche Vermittlungsstyling auszublenden. Eindrucksvoll vor allem aber auch deshalb, weil eine große Liebe und Sympathie für die Menschen des Ruhrgebiets im noch lange nicht abgeschlossenen und gewiss schmerzhaften Strukturwandel spürbar ist.

Lebensgrundlagen

Die nächsten Jahrzehnte werden gravierende Veränderungen für das Leben in der Städten mit sich bringen. Immer weniger Geld in den kommunalen Kassen, egal wie florierend sich die Wirtschaft entwickelt, die Folgen des demographische Wandels werden kaum noch Investitionsspielräume zulassen. Aber es geht nicht nur um das Ausgeben, sondern auch um das Gestalten bestehender sozialer und kultureller Rahmenbedingungen. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit dem “Wegweiser Kommune” ein interessantes Portal mit einer Menge an Daten, Grafiken und weiterführenden Hinweisen eingerichtet. Nun ist die Stiftung aus Gütersloh bekanntlich keine rein öffentliche Einrichtung und versucht in anderen Bereichen, etwa der Bilung, auch immer wieder bestimmte gesellschaftspolitische Akzente zu setzen. Das sollte man ganz am Rande zumindest zur Kenntnis nehmen.  Der Qualität der Initiative tut dies in diesen Fall – gegenwärtig – keinen Abbruch.