Die amerikanische Debatte über die Folgen (und möglichen Konsequenzen) der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist in vollem Gang. Innovativen, eher intellektuell geprägten Gruppierungen an der West- und Ostküste stehen die Ölindustrie und der stockkonservative Mainstream entgegen. Die einen befürworten eine sofortige “green-tech” Revolution, die anderen haben Panik, ihre Klimaanlagen abstellen zu müssen und nicht mehr jeden Schritt mit dem großen Pick-up machen zu können. Dennoch bewegt sich was, das Thema ist allgegenwärtig. David Braun, leitender Journalist des “National Geographic”, hat aktuell  “zehn Mythen” zu den Folgen der Deepwater-Katastrophe zusammengetragen. Wahrscheinlich ein langer Prozess des Umdenkens, aber zu stoppen wird er auch in den USA nicht mehr sein. Und hier? Kleine Schritte, die jeder machen kann. Auto stehen lassen, ÖPNV nutzen, Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen. Wenigstens im Sommer eine der leichteren Aufgaben.

Bonne idée

Wie der Umgang mit Elektrofahrzeugen im Alltag wirklich funktioniert, das weiß keiner ganz genau. Wo kann man “auftanken”, wie weit und wie lange wird man wirklich fahren können, wie reagieren Fußgänger auf das leise Surren? Gründe gibt es viele, das “neue Fahren” in einer Großstadt erstmal sorgfältig zu erproben. Paris startet einen Versuch und will ab Herst 2011 ingesamt rund 4000 E-Autos zum temporären Mieten bereit stellen. Die jüngst gemachten Erfahrungen mit Fahrrädern waren für die Pariser jedoch nicht richtig ermutigend: Vandalismus und Diebstahl haben die Fahrradflotte in relativ kurzer Zeit ziemlich dezimiert.  Vermutlich steht aber hinter dem Großversuch die Automobilindustrie, die diese Gelegenheit zum Praxistest naturlich nicht ungenutzt lassen kann. Geklaute Teile werden in Kauf genommen, die zu gewinnenden Erfahrungen – Batteriewechsel, Versorgungsinfrastruktren, Zuverlässigkeit, Nutzungsverhalten, Akzeptanz – sind bestimmt verlockend. Nicht nur für die Industrie, sicher auch für große Stadtregionen wie Paris inklusive Umland.

Der demographische Wandel ist in vollem Gang. Je nach dem, aus welcher Sicht man sich der Sache annimmt, findet sich Gutes und weniger Gutes. Letzteres vermutlich öfter. Aber bleiben wir mal eine Minute bei möglichen positiven Auswirkungen: Seniorengerechte Wohnungen sind keine Lebensräume für Alte, sondern, konsequent durchdacht, schlicht und ergreifend die besseren Räume. Das gleiche gilt eigentlich auch für jedes Industrieprodukt, vom Computer bis zum Auto. Wenn Anwendungsfreundlichkeit und Ergonomie über Firlefanz und Styling dominieren, prima.  Neu erfinden muss man dies nicht, und viel wäre gewonnen, wenn die Industrie einfach nur sorgfältig durchdachte und gestaltete (und damit meist auch langlebigere) Produkte anbieten würde. Gute Beispiele gab es immer. Ah, nein, wie langweilig und öde, immer die alten Kamellen. Die reflexartigen Zwischenrufe sind vorproduziert. Geschenkt. Die Kundschaft für technischen Nippes wird von alleine kleiner, die Demographie macht’s möglich. Die Deutsche Bank Research hat sich mit diesen Fragen und den zukünftigen Anforderungen an IT-Geräte beschäftigt. Interessanter Foliensatz, einfach mal durchklicken.

Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.

Digitale Medien haben den Alltag in den letzten zwei Jahrzehnten wahrscheinlich grundlegender verändert als alle anderen vorangegangenen technischen Innovationen zusammen. So weit, so banal. Eine Ende der “Digitalisierung des Alltags” ist aber noch lange nicht in Sicht. Die gegenwärtigen Debatten über Privatheit, Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle verweisen nur auf einen kleinen Ausschnitt eines tiefer greifenden Prozesses. Ganz besonders die Loslösung der technischen Mediennutzung von einem fixierten Ortsbezug, historisch vom Transistorradio in den 1950ern hin zur “augmented reality” mobiler digitaler Dienste der Gegenwart und Zukunft, eröffnet(e) viele neue Perspektiven – und mindestens ebenso so viele Fragen. Mitchell Schwarzer vom California College of the Arts hat sich in einem ausführlichen (und ebenso bemerkenswerten) Beitrag für den “Design Observer” (Teil1, Teil2) mit den Ursprüngen, den Entwicklungen und den Folgen mobiler Medien auf unsere (Symbol-) Vorstellungen von “Stadt” und “Raum” beschäftigt. Wo traditionell das Zentrum lag, wo Plätze, Häfen, Ein- und Ausfallstraßen mehr oder minder eindeutige Nutzungsfunktionen hatten, kommen jetzt erweiterte (Konsum-) Räume dazu. Nice to look at. Aber wie wollen wir in Zukunft mit der Simulation “gleichzeitiger Allgegenwärtig” umgehen und welchen aktiven Part sind wir bereit, dabei zu übernehmen? Als Handelnde und/oder als Überwachte…?

Go ahead

Es ist wie beim Arzt. An einer Stelle des Körpers zwickt und schmerzt es, an mehreren anderen liegen die Ursachen dafür. Nicht schlecht, wenn man die Zusammenhänge herstellen kann. Noch besser, wenn man weiß, wie alles wieder ins Lot kommt. In genau drei Wochen, am 15.7.2010, stellt sich ein interdisziplinäres Hochschulteam einer, sagen wir mal, durchaus ähnlichen Aufgabe. Auf dem Campus der Universität Augsburg gibt es im Rahmen der “Wissenswelten” der Metropolregion München eine Art Momentaufnahme zu den Herausforderungen zukünftiger Stadtentwicklung zu sehen. Lassen sich die Abhängigkeiten und die Spielräume der oft engen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zwänge und Interessen überhaupt kenntlich machen? Fast immer liegen auch hier einem Problem mehrere, nicht unmittelbar erkennbare Ursachen zugrunde. Ein erster Schritt: Der Versuch, Zusammenhänge und Verbindungen aufzeigen. Bald mehr dazu.

Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Speedlimits

Um Geschwindigkeitsbegrenzungen im engeren Sinne geht es hier nicht, auch wenn eine Abkehr von dieser anachronistischen Dummheit hierzulande überfällig wäre. Es geht um andere Tempo-Probleme. Man muss sich wohl vergegenwärtigen, dass eine neue Mobilitätskultur (Elektromobilität, Intelligente ÖPNV-Modelle, intermodaler Verkehr u.a.m.) nicht so schnell zu etablieren ist, wie viele sich das eventuell wünschen, vor allem weil die Komplexität der Herausforderungen leider etwas unterschätzt zu werden scheint. Das ist aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Welche Faktoren auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik beachtet werden müssen, das lässt sich aus verschiedenen (nicht selten kontroversen) Positionspapieren ablesen. Und nein, es geht hier nicht um Statements der Automobilindustrie gegen fundamentalistische Motorisierungsverweigerer. Das EU-Projekt “Routes to 2050″ verspricht eine interessante Plattform mit ebenso interessanten Fragestellungen zu werden. Tun ließe sich jedoch schon heute etwas. Dass günstige Momente für grundsätzliche Weichenstellungen aber ungenutzt verstreichen wenn man einfach nicht will oder kann, das greift Christian Schwägerl in einem Kommentar für den “Spiegel” auf.

Wechselströme

Der Begriff “Gentrifizierung” läuft momentan Gefahr, zu einem der unsympathischsten Symbolbegriffe städtischer Veränderung zu werden. Verkürzt dargestellt geht es darum, dass einzelne Stadtviertel durch das Interesse eines bestimmten Publikums – eher unkonventionell, jung, kreativ, knapp bei Kasse – “bespielt” werden: Ausgehen, Wohnen, Arbeiten. Diese “Nutzung” zieht in der Folge wiederum eine andere, etwas solventere Klientel an, die es schätzt, dass sich dieses Quartier jetzt bunter, vielfältiger, attraktiver als zuvor darstellt. Das macht urbanes Leben im Kern aus, die Sogwirkung entsteht fast von alleine. Das eigentliche Problem beginnt aber erst jetzt: Eine wirtschaftlich noch deutlich potentere Kundschaft, in der Regel eher wenig kreativ, auch wenn sie sich selbst sicher so sieht, älter und statisch in ihren kulturellen und sozialen Ritualen, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf diese Stadträume. Geld spielt keine vorrangige Rolle, der Schein und das Image zählen, dafür ist man bereit, entsprechende finanzielle Mittel einzusetzen. Häuser werden sehr aufwändig und teuer saniert, der neu entstandene Wohnraum wird oft nur temporär genutzt, die Infrastruktur passt sich an. Den anderen, bisher dort lebenden Menschen, alt und jung, wird der Alltag (Wohnraum, Freizeit, Warenangebot) schnell zu teuer, der Umzug in andere Quartiere wird unumgänglich.  In München (wie in Hamburg oder Berlin und anderen großen Städten) ist dies an verschiedenen Stellen seit längerem zu beobachten. Teilweise vehement ausgetragene Konflikte bleiben nicht aus. Die “Süddeutsche Zeitung” hat diese Thematik kürzlich (erneut) aufgegriffen und diesmal auch mit einem Wissenschaftler über das Phänomen “Gentrifizierung” gesprochen. Weil das aber alles nicht Neues ist, lohnt es sich auch, einige ältere Momentaufnahmen, etwa im Magazin “salon.com” oder in der “Village Voice“, zur Entwicklung in den USA anzusehen.

Grüne Medaille

Die Diskussion, ob Olympische Spiele oder andere Megaveranstaltungen mit vielen Jahren Vorbereitungszeit überhaupt noch in das ökologische Raster des 21. Jahrhunderts passen, lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen.  Egal wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Materialschlacht ohne gleichen, alles für ein paar Wochen sportlichen Ehrgeiz, viel Unterhaltung und noch sehr viel mehr Kommerz. Andererseits können solche Anstrengungen ja auch wichtige Entwicklungen lostreten, deren Wirkungen sich erst langsam und im besten Sinne “nachhaltig” auswirken. Die bereits aufflammende Debatte über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 verdeutlicht auch hier den Zwiespalt. In London findet bereist im übernächsten Sommer, 2012, die nächste Olympiade statt. Und auch dort ist die Diskussion seit längerem im Gange, wie nachhaltig und vor allem wie “grün”-innovativ das ganze Vorhaben sein kann. Felicity Carus beleuchtet im “Guardian” die Schwierigkeiten und Herausforderungen.