Amüsanter Clip. Was haben digitale Medien und Stadträume miteinander zu tun? Eine Menge. Und in Zukunft noch sehr viel mehr. Dass wir detaillierte Spuren im Internet hinterlassen, das hat sich wahrscheinlich schon bis zum “ab und zu” -User herumgesprochen. Inzwischen sind viele Menschen, besonders jüngere, in den unterschiedlichsten “Social Networks”, von Facebook bis zu den diversen VZs, zuhause und informieren andere Nutzer (und Gott und die Welt) über private und berufliche Dinge. Wen das interessiert? Egal. Generiert werden in jedem Fall unendliche Mengen an Daten. Das ist die relevante (Netz-) Währung, je persönlicher, je situations- und ortsgebundener, umso besser. Um diese Datensätze herum werden Werbeinhalte konzipiert. Scheinbar passgenau auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Immer und überall. Kann sein, dass das jemand toll findet und begrüßt. Vorstellen muss man sich das aber eher als Plage, wie einen nervigen und peinigenden Mückenschwarm, den man nicht mehr los wird. Heute auf den Desktops und Notebooks,  schrittweise auf mobilen Geräten, später auf allen möglichen Objekten. Großen und kleinen. Auf Straßen, Plätzen, Gebäuden, Tag und Nacht. Orwell? Harmloses Vorspiel.

Revitalisierung

Das Thema ist auch hier bekannt: Urbane Räume wachsen nicht nur, an vielen Orten schrumpfen städtische Territorien. In Ostdeutschland ein veritables Problem. Der schnell als Ursache in die Debatte gebrachte demographische Wandel taugt aber nicht als Alleinerklärungsmodell. Es gibt verschiedene Gründe. Und Motive. Zunächst einmal muss man einfach zur Kenntnis nehmen, dass den Orten die Menschen “irgendwie” abhanden kommen. Klingt blöd, aber darüber sollte zuerst nachgedacht werden. Naheliegend sind wirtschaftliche, aber auch kulturelle und soziale Prozesse, die Stadträume, Schritt für Schritt, zu öden und unwirtlichen Territorien werden lassen. Was kann man tun? Die IBA Sachsen-Anhalt 2010 hat sich unter dem schönen Motto “Weniger ist Zukunft” auch damit auseinandergesetzt. Strukturwandel ist ein immer wieder auftauchendes, und deshalb nicht weniger passendes “buzzword” in diesem Zusammenhang.  Die amerikanische Autostadt Detroit vereinigt ziemlich sicher verschiedene “Treiber”, die im schlimmsten Fall zum totalen Verlust von lebenswertem Stadtraum führen. Der “Design Observer” stellt in einem Beitrag Ideen und Initaitiven aus Detroit vor, die den unumkehrbaren Wandel als Anlaß nehmen, verloren geglaubten Stadtraum neu und etwas “anders” zu revitalisieren.

Bürgerbeteiligung

Ohne offenen Diskurs kann eine tragfähige Stadtentwicklung nicht funktionieren. Hinter verschlossenen Türen zusammenbasteln, was später als Zukunftsmodell verkauft werden soll, basiert auf einigen grundsätzlichen Denkfehlern. Denn fast immer haben (vorgeschobene) Seilschaften und Interessensgruppen aus der Politik mit routiniertem Zugriff auf kommunale Entscheidungsprozesse einen uneinholbaren Vorteil. Alle anderen bleiben, trotz der üblichen gegenteiligen Bekundungen, in der Regel außen vor. Die Barrieren, die vor den Artikulationsmöglichkeit eigener Anliegen, Interessen und Perspektiven stehen, sind sehr hoch. Transparenz und Partizipation sehen anders aus. Das heißt natürlich nicht, jeder unüberlegten Stimmung die Schleusen zu öffnen. Mit Langfristigkeit und Nachhaltigkeit – und darum geht es bei Stadtentwicklungsthemen – hat das selten was zu tun. Eigentlich geht es eher um Wissensvermittlung. Möglicherweise kommt Hilfe aus der Digitalisierung des Medienalltags. Zwar wird in vielen “Sozialen Netzwerken” immens viel heiße Luft verschoben, aber die Hürden, das Wort zu ergreifen und Meinungen zu teilen, sind niedrig. Die technische Handhabe ist inzwischen so einfach, dass eigentlich allen das Mitmachen möglich sein sollte. Klar, uralte, oft verklärte Vorstellungen vom “kommunikativen Marktplatz”, von der “Agora”, tauchen immer wieder auf. Aber die “Social Networks” sind ganz nebenher zum festen Teil des Lebens geworden. Weil “Stadt” immer sehr viel mit Veränderung (und der Vermittlung der Folgen und Auswirklung) zu tun hat, ist es nicht völlig abwegig, sich mit den kooperativen Möglichkeiten der Netzwerkzeuge zu beschäftigen. Die “Deutsche Bank Research” hat kürzlich einen Foliensatz veröffentlicht, der sich mit “Öffnung” und “Innovationssteigerung” durch kollektive Netzwerke beschäftigt. Eigentlich das gleiche Thema, nur eine andere Baustelle.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Der demographische Wandel ist in vollem Gang. Je nach dem, aus welcher Sicht man sich der Sache annimmt, findet sich Gutes und weniger Gutes. Letzteres vermutlich öfter. Aber bleiben wir mal eine Minute bei möglichen positiven Auswirkungen: Seniorengerechte Wohnungen sind keine Lebensräume für Alte, sondern, konsequent durchdacht, schlicht und ergreifend die besseren Räume. Das gleiche gilt eigentlich auch für jedes Industrieprodukt, vom Computer bis zum Auto. Wenn Anwendungsfreundlichkeit und Ergonomie über Firlefanz und Styling dominieren, prima.  Neu erfinden muss man dies nicht, und viel wäre gewonnen, wenn die Industrie einfach nur sorgfältig durchdachte und gestaltete (und damit meist auch langlebigere) Produkte anbieten würde. Gute Beispiele gab es immer. Ah, nein, wie langweilig und öde, immer die alten Kamellen. Die reflexartigen Zwischenrufe sind vorproduziert. Geschenkt. Die Kundschaft für technischen Nippes wird von alleine kleiner, die Demographie macht’s möglich. Die Deutsche Bank Research hat sich mit diesen Fragen und den zukünftigen Anforderungen an IT-Geräte beschäftigt. Interessanter Foliensatz, einfach mal durchklicken.

Das Düsseldorfer Büro von Christoph Ingenhoven darf man sicher zu den ersten Architekturadressen in Deutschland zählen. Modern, im besten Sinn, eher selten eitel und selbstbezogen, wie viele seiner Kollegen, steht Ingenhoven für eine zukunftsgerichtete, technisch-ökologische Architektur und Stadtentwicklung, fast immer mit Augenmaß und ohne Großprahlerei. Das bedeutet freilich nicht, dass (seinen) neuen Projekten nicht ein Taifun der Volksentrüstung, wie jetzt beim umfangreichen Bahnhofsentwicklungsvorhaben in Stuttgart, entgegen weht. Ohne den Positionen von Ingenhoven einen Persilschein auszustellen, drängt sich – mal wieder – die starke Vermutung auf, dass sich, wie bei solchen Projekten in Deutschland fast immer, der Protest vorrangig aus gefühliger Vergangenheitsromatik speist. Meist kommt dann als (immer populärer werdendes) Gegenargument noch die Kostenkeule dazu. Selbst wenn einem Vorhaben, wie in diesem Fall, ein langer und kontroverser Diskursprozess voranging, verharren Teile der Öffentlichkeit oft in verbitterter Ablehnung. In der Stadtplanung, in der Architektur, aber ebenso bei anderen großen Technologieentwicklungen ist dies zu beobachten. Signale einer Gesellschaft, die mit allen Kräften das Bestehende verteidigen will. Im “Spiegel” äußerte sich Ingenhoven jüngst zum Stuttgarter Projekt, den damit verbundenen Vorbehalten und ihren, aus seiner Sicht, kulturellen Ursachen.

Wechselströme

Der Begriff “Gentrifizierung” läuft momentan Gefahr, zu einem der unsympathischsten Symbolbegriffe städtischer Veränderung zu werden. Verkürzt dargestellt geht es darum, dass einzelne Stadtviertel durch das Interesse eines bestimmten Publikums – eher unkonventionell, jung, kreativ, knapp bei Kasse – “bespielt” werden: Ausgehen, Wohnen, Arbeiten. Diese “Nutzung” zieht in der Folge wiederum eine andere, etwas solventere Klientel an, die es schätzt, dass sich dieses Quartier jetzt bunter, vielfältiger, attraktiver als zuvor darstellt. Das macht urbanes Leben im Kern aus, die Sogwirkung entsteht fast von alleine. Das eigentliche Problem beginnt aber erst jetzt: Eine wirtschaftlich noch deutlich potentere Kundschaft, in der Regel eher wenig kreativ, auch wenn sie sich selbst sicher so sieht, älter und statisch in ihren kulturellen und sozialen Ritualen, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf diese Stadträume. Geld spielt keine vorrangige Rolle, der Schein und das Image zählen, dafür ist man bereit, entsprechende finanzielle Mittel einzusetzen. Häuser werden sehr aufwändig und teuer saniert, der neu entstandene Wohnraum wird oft nur temporär genutzt, die Infrastruktur passt sich an. Den anderen, bisher dort lebenden Menschen, alt und jung, wird der Alltag (Wohnraum, Freizeit, Warenangebot) schnell zu teuer, der Umzug in andere Quartiere wird unumgänglich.  In München (wie in Hamburg oder Berlin und anderen großen Städten) ist dies an verschiedenen Stellen seit längerem zu beobachten. Teilweise vehement ausgetragene Konflikte bleiben nicht aus. Die “Süddeutsche Zeitung” hat diese Thematik kürzlich (erneut) aufgegriffen und diesmal auch mit einem Wissenschaftler über das Phänomen “Gentrifizierung” gesprochen. Weil das aber alles nicht Neues ist, lohnt es sich auch, einige ältere Momentaufnahmen, etwa im Magazin “salon.com” oder in der “Village Voice“, zur Entwicklung in den USA anzusehen.

Hier und jetzt

Das Ruhrgebiet feiert sich gerade als europäische Kulturhauptstadt 2010. Und das wird, zumindest an den zentralen Anlaufstellen wie beispielsweise der Zeche Zollverein in Essen, ziemlich eindrucksvoll gemacht. Eindrucksvoll deshalb, weil man nicht mit gelackten, inhaltsleeren Bildhülsen belästigt wird. Eindrucksvoll, weil man nicht versucht, den Alltag mit seinen Ecken und Kanten, Hässlichkeiten und Widersprüchen durch das übliche Vermittlungsstyling auszublenden. Eindrucksvoll vor allem aber auch deshalb, weil eine große Liebe und Sympathie für die Menschen des Ruhrgebiets im noch lange nicht abgeschlossenen und gewiss schmerzhaften Strukturwandel spürbar ist.

Lebensgrundlagen

Die nächsten Jahrzehnte werden gravierende Veränderungen für das Leben in der Städten mit sich bringen. Immer weniger Geld in den kommunalen Kassen, egal wie florierend sich die Wirtschaft entwickelt, die Folgen des demographische Wandels werden kaum noch Investitionsspielräume zulassen. Aber es geht nicht nur um das Ausgeben, sondern auch um das Gestalten bestehender sozialer und kultureller Rahmenbedingungen. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit dem “Wegweiser Kommune” ein interessantes Portal mit einer Menge an Daten, Grafiken und weiterführenden Hinweisen eingerichtet. Nun ist die Stiftung aus Gütersloh bekanntlich keine rein öffentliche Einrichtung und versucht in anderen Bereichen, etwa der Bilung, auch immer wieder bestimmte gesellschaftspolitische Akzente zu setzen. Das sollte man ganz am Rande zumindest zur Kenntnis nehmen.  Der Qualität der Initiative tut dies in diesen Fall – gegenwärtig – keinen Abbruch.