Revitalisierung

Das Thema ist auch hier bekannt: Urbane Räume wachsen nicht nur, an vielen Orten schrumpfen städtische Territorien. In Ostdeutschland ein veritables Problem. Der schnell als Ursache in die Debatte gebrachte demographische Wandel taugt aber nicht als Alleinerklärungsmodell. Es gibt verschiedene Gründe. Und Motive. Zunächst einmal muss man einfach zur Kenntnis nehmen, dass den Orten die Menschen “irgendwie” abhanden kommen. Klingt blöd, aber darüber sollte zuerst nachgedacht werden. Naheliegend sind wirtschaftliche, aber auch kulturelle und soziale Prozesse, die Stadträume, Schritt für Schritt, zu öden und unwirtlichen Territorien werden lassen. Was kann man tun? Die IBA Sachsen-Anhalt 2010 hat sich unter dem schönen Motto “Weniger ist Zukunft” auch damit auseinandergesetzt. Strukturwandel ist ein immer wieder auftauchendes, und deshalb nicht weniger passendes “buzzword” in diesem Zusammenhang.  Die amerikanische Autostadt Detroit vereinigt ziemlich sicher verschiedene “Treiber”, die im schlimmsten Fall zum totalen Verlust von lebenswertem Stadtraum führen. Der “Design Observer” stellt in einem Beitrag Ideen und Initaitiven aus Detroit vor, die den unumkehrbaren Wandel als Anlaß nehmen, verloren geglaubten Stadtraum neu und etwas “anders” zu revitalisieren.

Hirnschmalz

Stadt ist Vielfalt. Stadt ist Dynamik. Diese Reibung regt zum Denken an. Aus Kreativität entsteht Neues. Ohne Neues kein zukünftiger Ertrag. So in etwa könnte man, natürlich extrem verkürzt, versuchen, eine nachhaltige urbane “Innovationskette” zu skizzieren. Sehr vieles passiert “nebenan”, auf der Straße, in Labors, Agenturen, Hochschulen, Start-ups, Gründungen. Oft muss man nur die Augen aufmachen (wollen) und ein paar Dinge zusammenführen. Leider tun wir uns sehr oft sehr schwer damit. Warum? Zu wenig Vielfalt, zu wenig Dynamik, zu träge? Kann sein. Ein wenig Schmierstoff für den Kopf liefert eine österreichisch-deutsche EU-Initiative mit dem Namen INFU, die nach sogenannten “innovation patterns” im Alltag Ausschau hält. Was damit gemeint ist, zeigt sehr anschaulich ein Video. Unbedingt reinschauen.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)

Male or female?

Zukunft beginnt in den Köpfen. Bei der Einstellung in Unternehmen wird immer wieder über eine “Mindestfrauenquote” diskutiert. Frankreich fordert beispielsweise einen Frauenanteil von 50 Prozent in den Aufsichträten. Ein Vorbild? Hierzulande saßen 2007 nur 13 Prozent Frauen in den obersten Entscheidungsgremien der Unternehmen. Das liegt größtenteils daran, dass Frauen – aus verschiedenen Gründen – Teilzeitbeschäftigungen wählen. Würde es für Frauen mit einer sanktionierten Quotenregelung in Unternehmen leichter, Familie und Job zu vereinen? Wohl kaum. Politik und Unternehmen wetteifern bei der vermeintlichen Rettung der Frau aus beruflichen “Seitenstrassen”. Und Unternehmen wissen eigentlich , dass gemischte Teams kreativer und innovativer arbeiten. Durch eine Geschlechterquote soll diese Kreativität nutzbar gemacht werden und zur Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beitragen. Super, aber bitte ohne Quotenregelung. Dafür aber flexiblere Arbeitszeitmodelle für alle. Männer und Frauen. Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Schulden bis zum Abwinken, eine substantiell älter werdende Gesellschaft, die Erosion der Sozialsysteme, eine kaum koordinierbare Parallelexistenz von (Sozial-) Staat und (globaler) Finanzwirtschaft, der Klimawandel, das Ende des Öls, die allgemeine Gier und das Versauen der Umwelt. Sonst noch was? Reicht eigentlich. Nachvollziehbar, wer Symptome der Depressivität bei sich entdeckt. Aber es hilft nichts, die Dinge müssen zur Kenntnis genommen werden. Und Ideen und Perspektiven (die diese Bezeichnung auch verdienen) sind gemeinsam zu entwickeln: Über den kommunalen, regionalen oder nationalen Tellerrand hinaus. Gegen die grassierende Trägheit. Und mit Offenheit, wo die Reise hin gehen soll, vor allem aber auch mit dem Willen, etwas politisch loszutreten, das größtenteils erst jenseits von Legislaturperioden Früchte tragen wird. Einspruch, es geht uns doch gut, wo ist das Problem? Der in Berlin lebende schweizer Journalist Ronnie Grob hat die Situation recht unverstellt zusammengetragen. Sollten wir was tun?

Stadtlabor

Exemplarisch für die wachsende Wohnraumproblematik großer Städte ist die Situation in München. Natürlich auf einem sehr exponierten Level, aber dennoch: Es gibt kaum noch Liegenschaften auf die die Kommune selbst steuernd zugreifen könnte. Private Bauträger halten sich zurück oder kommen nicht an passenden Baugrund. Zumindest nicht an solchen, der, bebaut, lukrative Renditen verspricht. Die schlechten Lose gezogen haben dabei junge Familien und Ältere, die jeden Euro umdrehen müssen. Problematisch für die Städte: Die Zentren laufen zusehends Gefahr, zu Biotopen für besonders Wohlhabende zu werden, in den Randgebieten sammelt sich der Rest. Eigentlich heißt eine simple Gleichung: Stadt = Vielfalt. Und zwar nebeneinander und miteinander. Zur aktuellen Lage in München ein Beitrag von Michael Tibudd in der Süddeutschen Zeitung.

Wechselströme

Der Begriff “Gentrifizierung” läuft momentan Gefahr, zu einem der unsympathischsten Symbolbegriffe städtischer Veränderung zu werden. Verkürzt dargestellt geht es darum, dass einzelne Stadtviertel durch das Interesse eines bestimmten Publikums – eher unkonventionell, jung, kreativ, knapp bei Kasse – “bespielt” werden: Ausgehen, Wohnen, Arbeiten. Diese “Nutzung” zieht in der Folge wiederum eine andere, etwas solventere Klientel an, die es schätzt, dass sich dieses Quartier jetzt bunter, vielfältiger, attraktiver als zuvor darstellt. Das macht urbanes Leben im Kern aus, die Sogwirkung entsteht fast von alleine. Das eigentliche Problem beginnt aber erst jetzt: Eine wirtschaftlich noch deutlich potentere Kundschaft, in der Regel eher wenig kreativ, auch wenn sie sich selbst sicher so sieht, älter und statisch in ihren kulturellen und sozialen Ritualen, lenkt nun ihre Aufmerksamkeit auf diese Stadträume. Geld spielt keine vorrangige Rolle, der Schein und das Image zählen, dafür ist man bereit, entsprechende finanzielle Mittel einzusetzen. Häuser werden sehr aufwändig und teuer saniert, der neu entstandene Wohnraum wird oft nur temporär genutzt, die Infrastruktur passt sich an. Den anderen, bisher dort lebenden Menschen, alt und jung, wird der Alltag (Wohnraum, Freizeit, Warenangebot) schnell zu teuer, der Umzug in andere Quartiere wird unumgänglich.  In München (wie in Hamburg oder Berlin und anderen großen Städten) ist dies an verschiedenen Stellen seit längerem zu beobachten. Teilweise vehement ausgetragene Konflikte bleiben nicht aus. Die “Süddeutsche Zeitung” hat diese Thematik kürzlich (erneut) aufgegriffen und diesmal auch mit einem Wissenschaftler über das Phänomen “Gentrifizierung” gesprochen. Weil das aber alles nicht Neues ist, lohnt es sich auch, einige ältere Momentaufnahmen, etwa im Magazin “salon.com” oder in der “Village Voice“, zur Entwicklung in den USA anzusehen.

Utopia reloaded

So schlimm kommt es hoffentlich nicht. Oder doch? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind im Rahmen einer aktuellen Ausstellung Perspektiven, Konzepte und Visionen über das Leben und Wohnen nach der Klimakatastrophe in Augenschein zu nehmen. Das meiste sieht komischerweise nach 1970er Jahre Utopie aus, einiges immer noch erstaunlich interessant, vieles hingegen eher schauerlich. Dass die nächsten Jahrzehnte viele soziales und ökologische Veränderungen bringen werden, darüber lässt sich trefflich lamentieren. Ein Weg daran vorbei führt aber nicht. Ob urbanes Leben aber zwangsläufig wie in den Trümmern von Tschernobyl zu bewältigen sein wird, das wird sich auch daran messen, wieviel Entspanntheit und Unaufgeregtheit wir bei der Gestaltung einer “ökologischen Zukunft” an den Tag legen werden. Leider wurde das Thema Umwelt noch nie locker angegangen. Nicht von denen, die sich einen Kehricht drum kümmern, ebensowenig wie von jenen, die den Alleinanspruch des “richtigen” Weges für sich reklamieren. Stimmen zur Ausstellung in der FAZ und in der Tageszeitung.

Lebensgrundlagen

Die nächsten Jahrzehnte werden gravierende Veränderungen für das Leben in der Städten mit sich bringen. Immer weniger Geld in den kommunalen Kassen, egal wie florierend sich die Wirtschaft entwickelt, die Folgen des demographische Wandels werden kaum noch Investitionsspielräume zulassen. Aber es geht nicht nur um das Ausgeben, sondern auch um das Gestalten bestehender sozialer und kultureller Rahmenbedingungen. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit dem “Wegweiser Kommune” ein interessantes Portal mit einer Menge an Daten, Grafiken und weiterführenden Hinweisen eingerichtet. Nun ist die Stiftung aus Gütersloh bekanntlich keine rein öffentliche Einrichtung und versucht in anderen Bereichen, etwa der Bilung, auch immer wieder bestimmte gesellschaftspolitische Akzente zu setzen. Das sollte man ganz am Rande zumindest zur Kenntnis nehmen.  Der Qualität der Initiative tut dies in diesen Fall – gegenwärtig – keinen Abbruch.