Einen Schritt weiter

Manchmal liegen Themen an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit in der Luft. Möglicherweise gibt es rationale Gründe dafür. Oder die Zeit ist einfach reif. Mit dem Thema “Stadtentwicklung” und den damit verknüpften, neuen Aufgaben für Designer haben sich auch ein paar kulturelle Einrichtungen in Wien auseinandergesetzt und um internationale Ideenbeiträge gebeten. Die prämierten Ergebnisse sind jetzt bis Mitte September im MAK zu sehen. Besonders interessant ist die Auseinandersetzung des Teams Wollersberger und Charlesworth, das versucht hat, den Ressourcenkreislauf im urbanen Alltag zu visualisieren.

Wie sollen Verkehrsangebote und -möglichkeiten in den großen Stadträumen der Zukunft aussehen? Vor allem, wieviel Umweltverträglichkeit ist, nüchtern betrachtet und mal völlig abgehoben, überhaupt möglich und welche Transportmittel kommen dafür in Frage? Damit hat sich, für zehn verschiedene Städte weltweit, in den vergangenen Monaten das in New York sitzende “Institute for Transporation & Development Policy” beschäftigt. Das Projekt hieß “Our cities, ourselves” und versuchte der Frage nachzugehen, wie gelöst vom Druck, den Stadtverkehr der Zukunft konventionell “motorisieren” zu müssen, Möglichkeiten aussehen könnten. Die Ideen sind jetzt in New York zu sehen und sollen danach auf Tour gehen. Inspirierend.

Die amerikanische Debatte über die Folgen (und möglichen Konsequenzen) der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist in vollem Gang. Innovativen, eher intellektuell geprägten Gruppierungen an der West- und Ostküste stehen die Ölindustrie und der stockkonservative Mainstream entgegen. Die einen befürworten eine sofortige “green-tech” Revolution, die anderen haben Panik, ihre Klimaanlagen abstellen zu müssen und nicht mehr jeden Schritt mit dem großen Pick-up machen zu können. Dennoch bewegt sich was, das Thema ist allgegenwärtig. David Braun, leitender Journalist des “National Geographic”, hat aktuell  “zehn Mythen” zu den Folgen der Deepwater-Katastrophe zusammengetragen. Wahrscheinlich ein langer Prozess des Umdenkens, aber zu stoppen wird er auch in den USA nicht mehr sein. Und hier? Kleine Schritte, die jeder machen kann. Auto stehen lassen, ÖPNV nutzen, Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen. Wenigstens im Sommer eine der leichteren Aufgaben.

Der demographische Wandel ist in vollem Gang. Je nach dem, aus welcher Sicht man sich der Sache annimmt, findet sich Gutes und weniger Gutes. Letzteres vermutlich öfter. Aber bleiben wir mal eine Minute bei möglichen positiven Auswirkungen: Seniorengerechte Wohnungen sind keine Lebensräume für Alte, sondern, konsequent durchdacht, schlicht und ergreifend die besseren Räume. Das gleiche gilt eigentlich auch für jedes Industrieprodukt, vom Computer bis zum Auto. Wenn Anwendungsfreundlichkeit und Ergonomie über Firlefanz und Styling dominieren, prima.  Neu erfinden muss man dies nicht, und viel wäre gewonnen, wenn die Industrie einfach nur sorgfältig durchdachte und gestaltete (und damit meist auch langlebigere) Produkte anbieten würde. Gute Beispiele gab es immer. Ah, nein, wie langweilig und öde, immer die alten Kamellen. Die reflexartigen Zwischenrufe sind vorproduziert. Geschenkt. Die Kundschaft für technischen Nippes wird von alleine kleiner, die Demographie macht’s möglich. Die Deutsche Bank Research hat sich mit diesen Fragen und den zukünftigen Anforderungen an IT-Geräte beschäftigt. Interessanter Foliensatz, einfach mal durchklicken.

Epochenbruch

Langsam dämmert es auch der energiepolitisch tief im letzten Jahrhundert steckengebliebenen Hardcore-Fraktion, dass ein radikales Umdenken und neues Handeln unabwendbar ist. Öl ist viel zu kostbar, um es mittelfristig für fragwürdige Dinge mit niedriger Energieeffizienz (Verkehr, Gebäudeheizung) zu verfeuern. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Alternativen, die weiter entwickelt, einen der größten Innovationsschübe der jüngeren Geschichte einleiten könnten. Öl ist aber auch deshalb kostbar, weil man, die reine Ertragsgier im Blick und Alternativen als zu teuer, aufwendig und unausgegoren verachtend, die Umwelt schon bei der Förderung und der Distribution des Rohstoffs auf Jahrzehnte hinaus in extremer Weise versauen kann. Der Golf von Mexiko ist das jüngste vieler trauriger Beispiele. Und doch ist irgendetwas anders als zuvor, denn nie zuvor ist in den USA, dem Land der kultivierten Extremverschwendung, so intensiv und so leidenschaftlich über einen grundlegenden Wechsel hin zu innovativen, alternativen Energiekonzepten debattiert worden wie in den letzten Monaten. Das ist auch deshalb interessant, weil jenseits des Atlantiks – nicht zum ersten Mal – neuen Entwicklungen eventuell schneller und nachhaltiger der Weg bereitet werden könnte, als im vielerlei behäbigen Europa. Auf alle Fälle sollte man die Auseinandersetzungen um eine “green society” nicht als europäisches Privileg betrachten. Ein Einstieg: Am 28.6. wird es eine spezielle TED-Konferenz in Washington zu diesem Thema geben. Mal sehen.

Grüne Medaille

Die Diskussion, ob Olympische Spiele oder andere Megaveranstaltungen mit vielen Jahren Vorbereitungszeit überhaupt noch in das ökologische Raster des 21. Jahrhunderts passen, lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen.  Egal wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Materialschlacht ohne gleichen, alles für ein paar Wochen sportlichen Ehrgeiz, viel Unterhaltung und noch sehr viel mehr Kommerz. Andererseits können solche Anstrengungen ja auch wichtige Entwicklungen lostreten, deren Wirkungen sich erst langsam und im besten Sinne “nachhaltig” auswirken. Die bereits aufflammende Debatte über die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 verdeutlicht auch hier den Zwiespalt. In London findet bereist im übernächsten Sommer, 2012, die nächste Olympiade statt. Und auch dort ist die Diskussion seit längerem im Gange, wie nachhaltig und vor allem wie “grün”-innovativ das ganze Vorhaben sein kann. Felicity Carus beleuchtet im “Guardian” die Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Utopia reloaded

So schlimm kommt es hoffentlich nicht. Oder doch? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind im Rahmen einer aktuellen Ausstellung Perspektiven, Konzepte und Visionen über das Leben und Wohnen nach der Klimakatastrophe in Augenschein zu nehmen. Das meiste sieht komischerweise nach 1970er Jahre Utopie aus, einiges immer noch erstaunlich interessant, vieles hingegen eher schauerlich. Dass die nächsten Jahrzehnte viele soziales und ökologische Veränderungen bringen werden, darüber lässt sich trefflich lamentieren. Ein Weg daran vorbei führt aber nicht. Ob urbanes Leben aber zwangsläufig wie in den Trümmern von Tschernobyl zu bewältigen sein wird, das wird sich auch daran messen, wieviel Entspanntheit und Unaufgeregtheit wir bei der Gestaltung einer “ökologischen Zukunft” an den Tag legen werden. Leider wurde das Thema Umwelt noch nie locker angegangen. Nicht von denen, die sich einen Kehricht drum kümmern, ebensowenig wie von jenen, die den Alleinanspruch des “richtigen” Weges für sich reklamieren. Stimmen zur Ausstellung in der FAZ und in der Tageszeitung.

Nutzhandwerk

Photo: Ken Botnick (Design Observer)Dinge für den Alltag praktisch zu machen, das gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Designers. Leichter versprochen als entwickelt. In einem sehr lesenswerten Artikel für den Design Observer erläutern Ken Botnick und Ira Raja die künstlerische Cleverness indischer Handwerker, die mit einfachen Mitteln und sicherem Auge für das Sinnvolle und das Machbare Alltagsdinge “umfunktionieren”. Daraus ableiten liesse sich sehr schön, was es mit dem malträtrierten Buzzword Innovation eigentlich auf sich haben sollte: Elemente ohne Ressourcenexzesse so zusammenfügen, dass neue nutzwerte Anwendungen möglich sind. Die in den USA an Hochschulen und in Fachzirkeln mittlerweile intensiv geführte Debatte über “design thinking” als Produktentwicklungsprozess bekommt mit dem Erfindungsreichtum indischer Handwerker eine ziemlich pragmatische – und sympathische – Bodenhaftung. Der oben gezeigte Sattelüberzug hat vor allem den Effekt, das eigene Rad inmitten hunderter anderer, kaum unterscheidbarer Drahtesel, sofort identifizieren zu können. Weniger Rohstoffverbrauch, mehr Kreativität.