Wir sind dann mal weg

Mit dem Ende der fünften Architekturwoche (A5) in Augsburg kommt jetzt auch das Projekt r21 – und damit die temporäre Informationsinitiative dieses Blogs – zu einem vorläufigen Abschluß. Am Thema “Zukunft Stadtraum, Design und Ökologie” arbeiten wir mit verschiedenen Aktivitäten weiter. Schauen Sie bei Gelegenheit wieder vorbei. Uns hat es Spaß gemacht. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Und einen speziellen Dank an Gvantsa Langer für die organisatorische Hilfe.

Amüsanter Clip. Was haben digitale Medien und Stadträume miteinander zu tun? Eine Menge. Und in Zukunft noch sehr viel mehr. Dass wir detaillierte Spuren im Internet hinterlassen, das hat sich wahrscheinlich schon bis zum “ab und zu” -User herumgesprochen. Inzwischen sind viele Menschen, besonders jüngere, in den unterschiedlichsten “Social Networks”, von Facebook bis zu den diversen VZs, zuhause und informieren andere Nutzer (und Gott und die Welt) über private und berufliche Dinge. Wen das interessiert? Egal. Generiert werden in jedem Fall unendliche Mengen an Daten. Das ist die relevante (Netz-) Währung, je persönlicher, je situations- und ortsgebundener, umso besser. Um diese Datensätze herum werden Werbeinhalte konzipiert. Scheinbar passgenau auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Immer und überall. Kann sein, dass das jemand toll findet und begrüßt. Vorstellen muss man sich das aber eher als Plage, wie einen nervigen und peinigenden Mückenschwarm, den man nicht mehr los wird. Heute auf den Desktops und Notebooks,  schrittweise auf mobilen Geräten, später auf allen möglichen Objekten. Großen und kleinen. Auf Straßen, Plätzen, Gebäuden, Tag und Nacht. Orwell? Harmloses Vorspiel.

Revitalisierung

Das Thema ist auch hier bekannt: Urbane Räume wachsen nicht nur, an vielen Orten schrumpfen städtische Territorien. In Ostdeutschland ein veritables Problem. Der schnell als Ursache in die Debatte gebrachte demographische Wandel taugt aber nicht als Alleinerklärungsmodell. Es gibt verschiedene Gründe. Und Motive. Zunächst einmal muss man einfach zur Kenntnis nehmen, dass den Orten die Menschen “irgendwie” abhanden kommen. Klingt blöd, aber darüber sollte zuerst nachgedacht werden. Naheliegend sind wirtschaftliche, aber auch kulturelle und soziale Prozesse, die Stadträume, Schritt für Schritt, zu öden und unwirtlichen Territorien werden lassen. Was kann man tun? Die IBA Sachsen-Anhalt 2010 hat sich unter dem schönen Motto “Weniger ist Zukunft” auch damit auseinandergesetzt. Strukturwandel ist ein immer wieder auftauchendes, und deshalb nicht weniger passendes “buzzword” in diesem Zusammenhang.  Die amerikanische Autostadt Detroit vereinigt ziemlich sicher verschiedene “Treiber”, die im schlimmsten Fall zum totalen Verlust von lebenswertem Stadtraum führen. Der “Design Observer” stellt in einem Beitrag Ideen und Initaitiven aus Detroit vor, die den unumkehrbaren Wandel als Anlaß nehmen, verloren geglaubten Stadtraum neu und etwas “anders” zu revitalisieren.

Bürgerbeteiligung

Ohne offenen Diskurs kann eine tragfähige Stadtentwicklung nicht funktionieren. Hinter verschlossenen Türen zusammenbasteln, was später als Zukunftsmodell verkauft werden soll, basiert auf einigen grundsätzlichen Denkfehlern. Denn fast immer haben (vorgeschobene) Seilschaften und Interessensgruppen aus der Politik mit routiniertem Zugriff auf kommunale Entscheidungsprozesse einen uneinholbaren Vorteil. Alle anderen bleiben, trotz der üblichen gegenteiligen Bekundungen, in der Regel außen vor. Die Barrieren, die vor den Artikulationsmöglichkeit eigener Anliegen, Interessen und Perspektiven stehen, sind sehr hoch. Transparenz und Partizipation sehen anders aus. Das heißt natürlich nicht, jeder unüberlegten Stimmung die Schleusen zu öffnen. Mit Langfristigkeit und Nachhaltigkeit – und darum geht es bei Stadtentwicklungsthemen – hat das selten was zu tun. Eigentlich geht es eher um Wissensvermittlung. Möglicherweise kommt Hilfe aus der Digitalisierung des Medienalltags. Zwar wird in vielen “Sozialen Netzwerken” immens viel heiße Luft verschoben, aber die Hürden, das Wort zu ergreifen und Meinungen zu teilen, sind niedrig. Die technische Handhabe ist inzwischen so einfach, dass eigentlich allen das Mitmachen möglich sein sollte. Klar, uralte, oft verklärte Vorstellungen vom “kommunikativen Marktplatz”, von der “Agora”, tauchen immer wieder auf. Aber die “Social Networks” sind ganz nebenher zum festen Teil des Lebens geworden. Weil “Stadt” immer sehr viel mit Veränderung (und der Vermittlung der Folgen und Auswirklung) zu tun hat, ist es nicht völlig abwegig, sich mit den kooperativen Möglichkeiten der Netzwerkzeuge zu beschäftigen. Die “Deutsche Bank Research” hat kürzlich einen Foliensatz veröffentlicht, der sich mit “Öffnung” und “Innovationssteigerung” durch kollektive Netzwerke beschäftigt. Eigentlich das gleiche Thema, nur eine andere Baustelle.

Next Step Architekturwoche

Gleich nach den “Wissenswelten” zieht das Hochschulprojekt r21 vom Campus der Universität Augsburg ein paar Viertel weiter auf das Gelände des Textil- und Industriemuseums (tim). Dort sind wir Gast der A5 (Fünfte Architekturwoche des BDA Bayern). Thematisch durch das Motto “Umbruch, Abbruch, Aufbruch” eine ideale Umgebung für unser Projekt. Im Laufe der nächsten Tage werden wir versuchen, an dieser Stelle vermehrt architekturrelevante Aspekte der Stadtentwicklung aufzugreifen. Sicher gilt auch hier: Es kann nur helfen, den Blickwinkel zu erweitern und Wahrnehmungen aus den Sozialwissenschaften, der Ökonomie, der Ökologie, der Technologieentwicklung, den Medien und des (erweiterten) Design (-begriffs) ins Spiel zu bringen. So weit. So gut.

Teamplay

In zwei Tagen, am 15.7., werden die Überlegungen aus dem Hochschulprojekt “r21 – Leben und Arbeiten in einer Metropolregion” auf dem Campus der Universität Augsburg vorgestellt. Klar, dass wir keinen Anspruch auf irgendeine Form von Deutungshoheit reklamieren. Das wäre zu einfach. Vielmehr wollten wir die mit aufmerksamem Auge bereits heute erkennbaren Entwicklungslinien zukünftigen Stadtlebens zusammentragen und kritisch befragen. Und: Auf mögliche Zusammenhänge und Abhängigkeiten hinweisen. Nutzen Sie die Gelegenheit, Fragen zu stellen und Ihre Gedanken (und Ihre Kritik) über die Umsetzung und Darstellung des Projekts ins Gespräch zu bringen. Bei dieser Gelegenheit darf auch das für die inhaltliche Konzeption verantwortliche Team namentlich mal genannt werden: Von der Universität Augsburg die Wirtschaftswissenschaftler Julia Alfen und Marcel Hülsbeck, von der Hochschule Augsburg, Fakultät Gestaltung, Jens Müller und Claus Kaelber. Ach ja, die sind natürlich vor Ort und freuen sich auf Ihren Besuch.

Hirnschmalz

Stadt ist Vielfalt. Stadt ist Dynamik. Diese Reibung regt zum Denken an. Aus Kreativität entsteht Neues. Ohne Neues kein zukünftiger Ertrag. So in etwa könnte man, natürlich extrem verkürzt, versuchen, eine nachhaltige urbane “Innovationskette” zu skizzieren. Sehr vieles passiert “nebenan”, auf der Straße, in Labors, Agenturen, Hochschulen, Start-ups, Gründungen. Oft muss man nur die Augen aufmachen (wollen) und ein paar Dinge zusammenführen. Leider tun wir uns sehr oft sehr schwer damit. Warum? Zu wenig Vielfalt, zu wenig Dynamik, zu träge? Kann sein. Ein wenig Schmierstoff für den Kopf liefert eine österreichisch-deutsche EU-Initiative mit dem Namen INFU, die nach sogenannten “innovation patterns” im Alltag Ausschau hält. Was damit gemeint ist, zeigt sehr anschaulich ein Video. Unbedingt reinschauen.

Is less more?

Bis zum Jahr 2020 wird mehr als jeder dritte Erwerbstätige in Europa das 50. Lebensjahr überschritten haben. Durch diese strukturellen Veränderungen werden sich auch soziale und kulturelle Gefüge verändern. Das hat natürlich große Auswirkungen auf die bisherige Arbeitswelt. Ein über 50-jähriger Arbeitnehmer hat andere Bedürfnisse, aber auch andere Qualifikationen als ein 30-jähriger Berufstätiger. Eine entsprechende (Neu-) Orientierung der Arbeitsorganisation könnte ein wichtiges Thema für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen werden. Vor allem im internationalen Wettbewerb. Denn im Gegensatz zu anderen Kontinenten werden in Europa schon in zehn Jahren die Folgen des demographischen Wandels spürbar sein. Unternehmen in einer postindustriellen Arbeitswelt werden zur Bewältigung der Herausforderungen eine “Renaissance des Stellenwertes des Menschen im Unternehmen” anstreben müssen. Zwei Kernfragen lauten deshalb: Wie möchten (und wie können) wir in unseren Berufswelten alt werden? Mehr dazu am 15.7. auf den “Wissenswelten”.

Einen Schritt weiter

Manchmal liegen Themen an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit in der Luft. Möglicherweise gibt es rationale Gründe dafür. Oder die Zeit ist einfach reif. Mit dem Thema “Stadtentwicklung” und den damit verknüpften, neuen Aufgaben für Designer haben sich auch ein paar kulturelle Einrichtungen in Wien auseinandergesetzt und um internationale Ideenbeiträge gebeten. Die prämierten Ergebnisse sind jetzt bis Mitte September im MAK zu sehen. Besonders interessant ist die Auseinandersetzung des Teams Wollersberger und Charlesworth, das versucht hat, den Ressourcenkreislauf im urbanen Alltag zu visualisieren.

Wertschöpfung 3.0

Die alten Industriezeiten – Lärm, Dreck, große Maschinen, viele Menschen, vergleichsweise einfache Tätigkeiten – sind bei uns unwiderbringlich vorbei. Das Wort Strukturwandel kommt dabei immer wieder ins Spiel. Und trifft die Sache nur zum Teil. Einerseits hat die Globalisierung die Welt kleiner, verknüpfter, schneller gemacht. Die gleichförmige Arbeit an der Fertigungsstraße, die am Ende zu ebensolchen Produkten führt, lohnt sich hier nicht mehr. Zu teuer, zu unflexibel. Das können andere inzwischen besser, weil billiger. Seit etwa einem guten Jahrzehnt drängen andererseits vernetzte, manchmal auch schon komplett virtualisierte Wertschöpfungsprozesse in den Vordergrund. Die Finanzwirtschaft, manche Forschungs- und Beratungsbereiche zählen dazu. Der Treibstoff ist “Wissen”. In Konturen erkennbar könnte jetzt als nächste Entwicklungsstufe das sein, was Julius Endert in einem Beitrag auf “Carta” als “digitales Fließband” zu beschreiben versucht. Was ist damit gemeint? Nennen wir es eine Kombination der beiden vorher genannten “Modelle”, in der Produkte aus Kunststoff, Metall oder einem anderen physikalischen Werkstoff keine Rolle mehr spielen, aber die “Fließbandproduktion digitaler Inhalte” immer bedeutender wird. Die Datensammlerei von Facebook, Google, Amazon, Apple und allen anderen ziehlt im Grunde darauf ab. Rechnerbasierte Auswertungsmodelle konturieren vorgeblich passgenauen “Content”. Das wollten wir doch immer, oder? Klar, im Netz gehört alles allen und aus der Teilerei generieren wir ein “Mehr”. Aber ist das nicht zu einfältig und eher eine kitschig-romatische Wunschprojektion, die mit Wirtschaft (und Wirklichkeit) herzlich wenig zu tun hat? Werden wir ein digitales Proletariat bekommen? Zehn Stunden pro Tag am Rechner, aber kaum was im Kühlschrank? (Bild: flickr/digital bob 8)